Kultur : Stalin bellt

Die Satire „Hundeherz“ im Studiotheater Bat

Christoph funkeD

Es war am 7. Mai 1928, als die sowjetische Geheimpolizei GPU während einer Hausdurchsuchung bei Michail Bulgakow (1891–1940) zwei Manuskripte der Erzählung „Hundeherz“ beschlagnahmte. Bulgakow bekam sie zwar später zurück, aber das „scharfe Pamphlet“, so der Vorwurf der KPdSU, konnte erst 1987 in der Sowjetunion gedruckt werden, mehr als 60 Jahre nach seiner Fertigstellung 1925.

Den Hintersinn von Bulgakows Erzählung aus dem Zyklus der „Teufeliaden“ hatten die Zensoren wohl begriffen. Ein genialer Operateur versucht die Menschwerdung zu beschleunigen, indem er einem Hund Teile des Gehirns eines gerade verstorbenen Tunichtguts einpflanzt. Tatsächlich wird der Hund zum Menschen, übernimmt und steigert aber die Bösartigkeit seines Spenders und wird vom zutiefst erschrockenen Wissenschaftler wieder in einen Hund zurückverwandelt. Eine fesselnde Utopie und eine Politsatire auf höchstem Niveau. Denn die Figuren der Erzählung vertreten in genialer Weise die Heroen der Sowjetunion: Lenin (der Operateur), Trotzki (sein Assistent), Stalin (der Hund Bello).

Im Studiotheater Bat haben jetzt Marc Wortel, Thomas Wieck und David Schliesing Bulgakows Erzählung in einer mit der Vorlage souverän umgehenden Fassung auf die Bühne gebracht, mit Texten von Wladimir Majakowski und Karl Otten. Sie verschränken die politische Geschichte mit Ausdrucksformen des Theaters der 1920er Jahre und deuten die wissenschaftliche Niederlage des Professors folgerichtig um: Der Hund wird nicht wieder zum Hund, er übernimmt die Macht.

Die Aufführung unter der Regie von Marc Wortel atmet den Geist einer aufgewühlt revolutionären Zeit, ist von zumeist schwermütiger Musik (Daniel Schellengoeski) eingehüllt und zauberhaft beweglich, lebendig, angriffslustig. Was Bulgakow ahnte, ist zum Ziel gebracht, mit jungen Schauspielern, die mit bestechender Sicherheit Ironie und Leidenschaft auspendeln, auf dem schmalen Brettersteg oder dem „Tanzboden“ der dunklen, nackten Bühne (Felicia Grau). Ein beflügelnder, quicklebendiger, dämonisch irrlichternder Theaterabend. Christoph funke

Wieder am 8. April.

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