Kultur : Stalins deutscher Architekt Städtebau: Thomas Flierls Buch über Ernst May

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Dass ein Wissenschaftler in die Politik wechselt, kommt vor, aber selten geht der Weg in die andere Richtung. Bei Thomas Flierl ist das der Fall: In den vergangenen Jahren hat sich der 1957 geborene Flierl, der von 2002 bis 2006 Senator für Wissenschaft und Kultur war, auf die Suche nach Zeugnissen der Tätigkeit des Architekten Ernst May in der Sowjetunion zwischen 1930 und 1933 gemacht. Das Ergebnis liegt nun in Buchform vor, „Standardstädte“, erschienen in der Edition Suhrkamp. Das Buch enthält eine 130 Seiten lange Einleitung und 330 Seiten Dokumente, zumeist erstmals aus dem Russischen übertragen.

Durch seine Sprachkenntnis konnte sich Thomas Flierl die verstreuten Quellen erschließen, den Zugang verdankt er sicherlich den Kontakten, die er in seinem politischen Leben hat knüpfen können. Ernst May, als Stadtbaurat von Frankfurt am Main der Schöpfer des „neuen Frankfurt“ der späten zwanziger Jahre und Architekt von 15 000 Sozialwohnungen in beispielhaften Siedlungen, ging im Herbst 1930 nach Moskau, um neue Städte in der Sowjetunion zu bauen. Die Episode endete drei Jahre später: In den innersowjetischen Machtkämpfen waren May und seine Mitarbeiter ausmanövriert worden.

Eine Episode nur, doch weit ertragreicher, als bislang bekannt. 2011 hatte Thomas Flierl das Thema für die große Ernst- May-Ausstellung des Frankfurter Architekturmuseums bearbeitet und einen Katalogbeitrag verfasst. Aber erst jetzt, mit diesem 550 Seiten fassenden Taschenbuch konnte Thomas Flierl sein Forschungsgebiet ausschöpfen.

Unlängst trug er in der Berliner Akademie der Künste seine Ergebnisse vor: „Schon heute kann man sagen: Es wurde sehr viel gebaut, und es ist auch sehr viel erhalten.“ Das ist die eigentliche Überraschung. Denn bislang musste man annehmen, dass May in den von hochfliegenden Planungen nur so angefüllten Jahren des ersten Fünfjahrplans der Sowjetunion zwar viel Papier vollschrieb und -zeichnete, aber kaum je zum Bauen kam. Thomas Flierl, finanziell unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung seiner parteipolitischen Heimat, der Linken, hat sich die Mühe gemacht, die entlegenen May-Orte aufzusuchen: das Verkehrszentrum Novosibirsk, das legendenumrankte Magnitogorsk inmitten der Steppe, die weiteren Ansiedlungen hinter dem Ural, in denen die gewaltsame Industrialisierung unter Stalin ausgefochten wurde. Was er an Fotografien mitgebracht hat, sieht auf den ersten Blick nicht bemerkenswert aus, muss jedoch vor dem geistigen Auge von den Überlagerungen und Entstellungen späterer Zeiten befreit werden, um das von May importierte „neue bauen“ der Weimarer Epoche wiederzuerkennen.

In der Diskussion mit Harald Bodenschatz, Stadtsoziologe an der TU Berlin und selbst mit einer kiloschweren Veröffentlichung zum Städtebau unter Stalin hervorgetreten, traten die Anfang der dreißiger Jahre in aller Schärfe aufeinanderprallenden Positionen des Sowjet-Städtebaus zutage, vor allem der Wandel von den funktionalistischen Vorstellungen, die May mit seiner Zeilenbauweise befolgte, zu traditionellen Wohnformen für die unter Stalin als Leitbild wiederinstallierte Familie.

„Wer von den Wohnensembles der Stalin’schen Stadt redet, darf von den Lagern nicht schweigen“, mahnte Bodenschatz und öffnete die Perspektive zu den Umwälzungen, die die Festigung der Stalin-Diktatur mit sich brachte, Gulag inklusive. Dazu hat May sich später, als er 1954 aus dem 1933 gewählten Exil in Afrika nach Deutschland zurückkam und Chefplaner der „Neuen Heimat“ wurde, nie geäußert. Schon gar nicht darüber, dass viele seiner russischen Kollegen im Großen Terror der späten dreißiger Jahre zugrunde gingen. Kein Zweifel, da gibt es noch einiges zu erforschen, und Thomas Flierl zeigte sich willens, in den russischen Archiven weiterzugraben. Bernhard Schulz

Standardstädte. Ernst May in der Sowjetunion 1930-1933. Texte und Dokumente. Hrsg. v. Thomas Flierl. Suhrkamp Verlag,

Berlin 2012.

552 Seiten, 16 €.

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