Kultur : Stalins Sklaven

Anne Applebaums Gulag-Buch – das Grauen in einer Vollständigkeit, die selbst Solschenizyns Anklage übertreffen könnte

Bernhard Schulz

Eine Woche nach dem Tod Stalins am 5.März1953 erstattet der gefürchtete NKWD-Chef Lawrenti Berija dem Führungszirkel der KPdSU über den Zustand der sowjetischen Konzentrationslager Bericht. Danach befanden sich 2526402 Personen in Haft, von denen jedoch lediglich 221435 als „gefährliche Staatsverbrecher“ gelten konnten. Hingegen befänden sich unter den Häftlingen 438788 Frauen, davon 35505 mit Kindern bis zu zwei Jahren, sowie 31180 Jugendliche unter 18 Jahren. 198000 Insassen litten „an schweren, unheilbaren Krankheiten und sind vollkommen arbeitsunfähig.“

Berija liefert einen Teil der Erklärung dafür, wie es zu jener metastasenhaften Ausbreitung des Lagersystems in der Sowjetunion kommen konnte, das auf seinem Höhepunkt nicht weniger als 476 Hauptlager mit jeweils Dutzenden, oft gar Hunderten von Nebenlagern („Lagpunkt“) zählte. Es ging um Sklavenarbeit. Seit den zwanziger Jahren nahm der Anteil der Häftlingsarbeit an der Produktion des Landes immer weiter zu. Doch konträr zum vermeintlichen Gewinn wurde die Verwaltung des Gulag immer kostspieliger. 1950 wurden neun Prozent des Staatshaushaltes für dessen Betreibung veranschlagt.

Stalin glaubte wohl bis zuletzt an den ökonomischen Nutzen der Lager, doch mindestens gleichermaßen ging es ihm die Ausschaltung und Abschreckung aller nur denkbaren Feinde. Erst nach seinem Tod begann sich das Lagersystem aufzulösen, ein Prozess, der freilich bis zum Untergang der Sowjetunion noch immer nicht abgeschlossen war.

Anne Applebaum, Journalistin bei der „Washington Post“, hat im Frühjahr ihr monumentales Buch „Der Gulag“ publiziert, das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt. Dreißig Jahre nach Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ liegt damit eine Darstellung vor, die nicht nur die Geschichte des Gulag auf der Grundlage des mittlerweile zugänglichen Archivmaterials nachzeichnet, sondern zugleich den Opfern eine unüberhörbare Stimme leiht. Aus Hunderten von Erlebnisberichten hat Anne Applebaum eine Darstellung des Lagerlebens und -sterbens erarbeitet, die an Vollständigkeit und Grauen wohl selbst Solschenizyns Anklage übertrifft.

Kein Zweifel: Dies ist eines der wichtigsten politischen Bücher nicht allein dieses Herbstes. Es ist ein Buch, das zu den großen Bilanzen des furchtbaren 20. Jahrhunderts zählen wird. Zu Recht beginnt es mit der Frage, warum die Verbrechen Stalins bei weitem nicht dieselbe Aufmerksamkeit gefunden haben wie diejenigen Hitlers.

Solschenizyns Triologie weckte hierzulande zwiespältige Reaktionen. Zwanzig Jahre später war es das „Schwarzbuch des Kommunismus“, das als haltlose Propaganda abgetan wurde. Nun zeigt sich aber, dass dessen von Nicolas Werth verfasstes Kapitel über den Gulag durch die aus neuesten Quellen gewonnenen Erkenntnisse Anne Applebaums vollauf bestätigt wird. Demnach war das Lagersystem keine „Entartung“ Stalins, sondern geht auf den Führer des bolschewistischen Staatsstreichs selbst zurück. Lenin war es, der bereits 1918 Massenverhaftungen vermeintlicher Gegner des Kommunismus anordnete. Bereits 1923 wurde auf den Solowetzki-Inseln hoch im arktischen Norden das erste jener Lager in feindlicher Natur eingerichtet, wie sie für den Gulag so charakteristisch werden sollten.

Umerziehung durch Arbeit

Die Lager schwollen an. Die Experimente mit dem Holzfällen im hohen Norden erwiesen sich als profitabel. Mit der Ausrufung des ersten Fünfjahresplans 1928 – und der anschließenden, vollends wahnwitzigen Parole „Fünf in vier“ – stieg der Bedarf an Rohstoffen aus den unerschlossenen Weiten Sibiriens gewaltig an. Der Gulag – das Kürzel steht für „Hauptverwaltung Lager“ – legte sich feinmaschig über das riesige Land.

Mit der forcierten Industrialisierung benötigte KP-Generalsekretär Stalin Vorzeigeprojekte. Der Bau des Weißmeerkanals war ein von ausufernder Propaganda begleitetes Vorhaben, bei dem 170000 Häftlinge ohne maschinelle Hilfe, mit selbstgebastelten Hämmern einen 227Kilometer langen Kanal durch felsiges Gelände trieben. Mindestens 25000 Tote forderte der Kanal. Der Schriftsteller Maxim Gorki, der bereits die Solowetzki-Inseln als ideales Umerziehungslager gerühmt hatte, wurde an die Baustelle beordert – und war pflichtgemäß begeistert.

Vom Häftling zum „Volksfeind“

Die propagandistisch herausgestellte Umerziehung der Sträflinge, die mit den immer weiter ausgespannten Strafgesetzen – meist wegen Wirtschaftsvergehen – in Konflikt geraten und in der Regel zu fünf, häufiger zehn Jahren Lagerhaft verurteilt worden waren, spielte nur anfangs eine Rolle. Diese Scheinlegitimierung des Lagersystems verschwand Anfang der dreißiger Jahre mit den Massendeportationen der von der Zwangskollektivierung erfassten „Kulaken“ und dem „Großen Terror“ von 1936/38, dem ein Großteil der Altbolschewiki und sogar der neuen Eliten zum Opfer fiel. Zwar war offiziell weiterhin von „Besserungsarbeitslagern“ die Rede. Doch zugleich setzte sich die Bezeichnung „Volksfeinde“ für die Inhaftierten durch. Ihre Familienangehörigen wurden entrechtet und per Sippenhaft deportiert. „Volksfeind“ konnte jedermann sein. Als dessen Perfidie galt, sich in jeder denkbaren Position zu verbergen und den Sozialismus zu „sabotieren“.

Der mittlere und mit fast 300 Seiten umfangreichste Teil des Buches ist dem Alltag des Lagerlebens gewidmet. Beruhend auf Augenzeugenberichten, zeichnet Anne Applebaums ein Bild des Grauens, einer Welt außerhalb der Welt, mit eigenen Gesetzen und doch dem umgebenden System in jeder Hinsicht verwandt. Die Lebensbedingungen, wiewohl sie von Lager zu Lager stark differieren konnten, wurden im Laufe der Jahre und vor allem im Zweiten Weltkrieg immer härter. Die täglichen Arbeitszeiten stiegen auf bis zu achtzehn Stunden; Ruhezeiten und -tage wurden eingeschränkt oder ganz abgeschafft, um nur ja den vorgegebenen Plan zu erfüllen, was wegen der Erschöpfung der Häftlinge immer seltener gelang. Millionen schufteten sich zu Tode.

Die Schilderungen des Lageralltags enthüllen ein Inferno jenseits aller Maßstäbe. Willkürliche Strafen, Diebstähle, Vergewaltigungen, dazu der blutig ausgetragene Machtkampf zwischen „Politischen“ und Kriminellen um die Stellung innerhalb der Lagerhierarchie prägten den Alltag. Besonders bedrückend sind Applebaums Darstellungen des Schicksals der Kinder und Neugeborenen – viele kamen in den Lagern zur Welt – und der Jugendlichen: Sie wurden durch das Lagerleben „Angehörige der größten, allumfassenden Klasse der Sowjetunion: Kriminelle“.

Achtzehn Millionen Menschen, so schätzt Applebaum, sind durch den Gulag getrieben worden. Hinzu kommen sechs Millionen Verbannte nationaler Minderheiten, als „faschistische Kollaborateure“ gebrandmarkt, die faktisch wie Sklaven ausgebeutet wurden. Wenigstens viereinhalb Millionen sind im „Fleischwolf“ – so der Jargon – ums Leben gekommen. Allein in den Schreckenswintern Anfang der vierziger Jahre 1941/42 verstarb jeweils ein Viertel der Häftlinge. Die größte Sorge der Sterbenden, so schildert es die Autorin in ihrem erschütterndsten Kapitel, galt dem Vergessen, dem sie preisgegeben waren: Wenigstens eine Nachricht sollte an die Angehörigen gelangen, wenigstens eine Spur ihres Lebens bewahrt werden, und sei es nur ein Kritzel an der Barackenwand.

Warum wird der Gulag in Russland selbst so wenig erinnert, obwohl zahllose Familien Opfer zu beklagen haben? Vielleicht, weil es üblich war, die „Kleine Zone“ des Lagerareals mit der „Großen Zone“ des Sowjetreichs zu vergleichen. So gewaltig waren die Unterschiede tatsächlich nicht. Der Gulag war der Auswuchs eines Regime, das bereits im Alltag jeden erdenklichen Schrecken bereithielt.

Anne Applebaum: Der Gulag. Aus dem Englischen von Frank Wolf. Siedler Verlag, Berlin 2003. 734 Seiten. 32 Euro.

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