Kultur : Stalker in der Nacht

Sensibles Kinodebüt: „Der Lebensversicherer“ von Bülent Akinci

Christina Tilmann

Ein Leben nachts auf der Autobahn. Einsames Bier an der Raststätte, morgens ein frisches Hemd aus dem Kofferraum, der schlechte Schlaf auf dem Parkplatz zwischendurch. Und die Prostituierten abwehren, die ihre Brüste an die Scheibe pressen: „Das Einzige, was ich heute noch hochbekomme, ist die Lehne meines Sitzes.“ Einsames Leben eines Versicherungsvertreters. Dann aber immer wieder dieses Lachen: schrill, albern, kindisch, irre. Nein, mit diesem Burkhard Wagner stimmt was nicht.

Es ist ein besonderer Nacht- und Winterfilm, den der dffb-Absolvent Bülent Akinci, in Ankara geboren, in Deutschland aufgewachsen, mit seinem Langfilmdebüt „Der Lebensversicherer“ geschaffen hat – eine lange Reise durch die Dunkelheit. Ursprünglich wollte Wagner Versicherungspolicen verkaufen, um seiner Familie ein besseres Leben zu verdienen, doch längst hat sich die Arbeit zum Selbstzweck entwickelt. Die Anrufe nachts bei seiner Frau – „Ja, bin auf dem Weg, kann nicht mehr lange dauern“ –, erreichen sie sie überhaupt noch? Nie kommt ein Gespräch in Gang, nie ruft sie von sich aus an, und wieso hat ein Versicherungsvertreter eigentlich kein Handy? Auch Wagners Verkaufsgespräche sind bloß Monologe, ein Wortschwall, mit dem er seine Opfer verfolgt, in die Küche, in ihren Wohnwagen, sogar aufs Klo. Am Ende setzen sie resigniert ihre Unterschrift unter den Vertrag.

Mit dem Fliegenden Holländer hat Akinci seinen Protagonisten verglichen: ähnlich getrieben, ähnlich einsam, ähnlich verdammt. Da ist kein Hafen, wo Burkhard Wagner bleiben könnte. Und selbst als er eine temporäre Unterkunft findet, eine schäbige Pension neben der Autobahn, wo Wirtin Caroline (Marina Galic) mühsam den Betrieb aufrechterhält, fällt er zunächst in komatösen Schlaf, drei Tage und drei Nächte. Da endlich bröckelt die Fassade aus Erfolg und Professionalität: ein langer Abend bei Rotwein und französischen Chansons, irgendwann legt er eine Gesangs- und Tanznummer hin. Da gibt es also doch anderes als Autos, Versicherungen und Geld. Verschüttete Erinnerungen an frühere Zeiten – oder eine schüchterne Anziehung zwischen den beiden Verlorenen, die sich fast fiebrig aufeinander stürzen? Ob es, wie beim Fliegenden Holländer, die Liebe ist, die Burkhard Wagner rettet, und ob diese Liebe und das Ankommen und Bleiben nicht am Ende den Tod bedeuten: mit diesen Mythenthemen spielt Akinci geschickt. Und findet noch einen neuen Dreh zum Schluss.

Und doch wäre „Der Lebensversicherer“ mit seinen düsteren, unterkühlten Bildern vielleicht ein etwas zu konstruiertes, etwas zu ambitioniertes Debüt – wenn nicht der Theaterschauspieler Jens Harzer wäre. Zu Recht ist er in der „Perspektive Deutsches Kino“ auf der vergangenen Berlinale und auf Festivals von Moskau bis Montreal gefeiert worden. „Der Lebensversicherer“ ist seine One-Man-Show. Blass, als habe er monatelang keine Sonne gesehen, geht er durch den Film, verfolgt seine Opfer fast wie ein Stalker, manisch, gnadenlos, treibt sie vor sich her. Lacht sein irres Lachen. Und das hallt nach.

In Berlin im Neuen Kant

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