Kultur : Stammzell-Entscheidung: Die wichtigesten Begriffe

Die Grundlagen

Ein Embryo entsteht bei der Befruchtung (Konzeption). Das ist die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Die Chromosomen beider Zellen vereinigen sich damit zu einem neuen, individuellen Genom. Dies kann in vivo, im Körper der Frau, oder in vitro, wörtlich: im Reagenzglas, also im Labor bei einer In-vitro-Fertilisation (IVF), geschehen.

Mit der Befruchtung entsteht ein Embryo, im frühesten Entwicklungsstadium auch Blastozyste (Keimbläschen) genannt, der sich unter natürlichen Bedingungen etwa am zwölften Tag nach der Empfängnis in der Gebärmutter einnistet: Das ist der Zeitpunkt der Nidation. Manche Forscher sprechen im Stadium vor der Einnistung auch vom Prä-Embryo. Ab dem dritten Schwangerschaftsmonat ist vom Feten die Rede. Die Präimplantationsdiagnostik (PID), über die im Mai 2001 im Bundestag sehr heftig und kontrovers diskutiert wurde, ist die gezielte Untersuchung in vitro gezeugter Embryos auf genetische Fehlbildungen und Erkrankungen.

Klonen ist eine Technik, mit der Embryos ohne Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, also "ungeschlechtlich", entstehen. Sie sind genetisch mit einem einzigen Lebewesen identisch. Denn das genetische Material einer Körperzelle dieses Lebewesens wird in eine entkernte Eizelle eingesetzt.

Beim reproduktiven Klonen ist das Ziel die Geburt eines genidentischen Lebewesens. Paradebeispiel ist das Klonschaf Dolly. Beim therapeutischen Klonen ist die Zielsetzung die Gewinnung embryonaler Stammzellen. Als Verfahren, das von vorne herein auf "Verbrauch" der ungeschlechtlich erzeugten Blastozyste angelegt ist, ist es besonders umstritten. Theoretisch verbindet sich mit der Erzeugung solcher individueller embryonaler Stammzellen jedoch auch die Hoffnung auf Gewebeersatz, der vom Patienten nicht abgestoßen wird.

Das Kernthema

Der menschliche Körper besteht aus verschiedenen spezialisierten Zelltypen, die unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Zu Beginn jedoch bestehen wir aus einer Zelle: Der befruchteten Eizelle. Sie ist gewissermaßen die erste Stammzelle. Aus ihr können - und müssen - alle anderen Arten von Zellen entstehen. Mediziner nennen sie deshalb totipotent, wörtlich "allmächtig". Diese universelle Fähigkeit verliert sich nach Ansicht der Entwicklungsbiologen spätestens im Acht-Zell-Stadium. Bis dahin könnte aus jeder Zelle des frühen Embryos theoretisch aber noch ein ganzer Mensch werden. Mit dem Begriff Stammzelle wird aber allgemeiner jede noch nicht ausdifferenzierte Zelle bezeichnet, die sich teilen und entwickeln kann. Stammzellen können von einem Embryo, einem Feten, einem Kind oder einem Erwachsenen stammen.

Aus der in vitro befruchteten Eizelle lassen sich embryonale Stammzellen gewinnen: Eine solche Zelllinie wird im Labor gezüchtet. Bei der Entnahme der Zellen aus der inneren Zellmasse wird die Blastozyste mit großer Wahrscheinlichkeit zerstört. Deshalb ist von "verbrauchender" Forschung die Rede. Außerdem muss im Labor eine Umgebung geschaffen werden, die die Zellen dazu bringt, in dem frühen, undifferenzierten Stadium zu verharren. Sie bleiben damit pluritotent, behalten also das Vermögen, sich in viele verschiedene Zelltypen zu differenzieren. Ob diese Art von Stammzellen, die prinzipiell als Tausendsassas gelten, importiert und in welcher Art und Weise an ihnen geforscht werden darf, ist das eigentliche Thema der gegenwärtigen Debatte.

Eine weitere Möglichkeit zur Gewinnung embryonaler Stammzellen besteht - neben dem genannten therapeutischen Klonen - darin, Keimzellen, die Vorläufer von Ei- und Samenzellen, aus Feten zu isolieren. Das könnte nach Fehlgeburten, aber auch nach Abtreibungen geschehen. Die Methode ist jedoch nach heutigem Kenntnisstand technisch problematisch und außerdem ebenfalls ethisch umstritten.

Auch beim Ungeborenen im Mutterleib und beim geborenen Menschen gibt es Stammzellen. Sie finden sich in verschiedenen Organsystemen, zum Beispiel im Knochenmark, im Verdauungstrakt, in der Haut oder im Zentralnervensystem. Sie sind schon auf einen bestimmten Zelltyp spezialisiert und erfüllen eine wichtige Funktion bei der Erneuerung des menschlichen Gewebes. Adulte Stammzellen (wörtlich also: "erwachsene") heißen sie verwirrenderweise, obwohl sie sich auch bei Kindern und sogar im Nabelschnurblut des Neugeborenen finden. Adulte Stammzellen sind in ihrer Funktion schon relativ festgelegt, bleiben jedoch Multitalente.

Die Ziele

Mit adulten und embryonalen Stammzellen verbinden sich große Hoffnungen auf Therapien durch Gewebeersatz. Von der Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen erhoffen sich die Forscher außerdem auch Aufschluss über die molekularen Grundlagen der Entwicklung des frühen Embryos. Dieses Verständnis könnte die Voraussetzung dafür sein, dass es gelingt, umgekehrt auch die Reprogrammierung adulter Stammzellen zu bewerkstelligen: Ein solches Zurückspulen der Spezialisierung könnte die ethisch unbedenklichen adulten Stammzellen universeller einsatzbereit machen.

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