• Stammzellen-Debatte: Interview: "Auch Wissenschaftler müssen sich nach der Gesellschaft richten"

Kultur : Stammzellen-Debatte: Interview: "Auch Wissenschaftler müssen sich nach der Gesellschaft richten"

Wie bewerten Sie die Entscheidung des amerikanisch

Detlev Ganten ist Mitglied im Nationalen Ethikrat und Vorsitzender der Hermann von Helmholtz Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.

Wie bewerten Sie die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten, Forschung an humanen embryonalen Stammzellen in gewissem Maß zu fördern?

Es ist eine gute Entscheidung. Sie legt den Forschern Beschränkungen auf, und es wird ein Kontrollsystem geben. Sie nimmt besorgten Bürgern die Angst. Auf der anderen Seite öffnet sie der Forschung Türen, um das Potenzial der Stammzellen zu untersuchen.

Aber die Forscher dürfen nicht selbst Stammzellen gewinnen und sind von privaten "Lieferanten" abhängig, die schon seit längerem mit Stammzellen arbeiten.

Das ist ein Problem, wie es entsteht, wenn öffentliche und private Forschung getrennte Wege gehen wie in Amerika. Wir müssen verhindern, dass auch bei uns die staatlich finanzierte Forschung gegenüber der privaten zurückfällt und müssen für beide Seiten gleiche Bedingungen schaffen.

Wird die Entscheidung Bushs auch die Situation bei uns beeinflussen?

Bei uns wird sie wahrscheinlich eine Argumentationshilfe für jene sein, die für eine restriktive Haltung eintreten. Auf der anderen Seite haben wir nie mehr gefordert als das, was jetzt in Amerika genehmigt wurde, nämlich die Forschung mit schon existierenden Stammzellen.

Wie sieht denn jetzt der weitere Fahrplan in Deutschland aus?

Ende des Jahres soll über die Einfuhr humaner embryonaler Stammzellen entschieden werden. Der nationale Ethikrat wird sich dazu Ende November oder Anfang Dezember äußern. Also rechtzeitig, bevor die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihr Votum abgibt. Meine persönliche Meinung ist, dass der Import von Stammzellen möglich sein sollte. Dann wird sich der Ethikrat auch mit Fragen beschäftigen müssen, bei denen es keinen genauen Fahrplan gibt.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel mit der Frage, was wir mit "überzähligen" Embryonen machen, die bei der Reagenzglasbefruchtung entstehen.

Aus denen man Stammzellen gewinnen könnte?

Ja.

Sie haben die Entscheidung des Repräsentantenhauses gegen das Klonen von Menschen begrüßt und ein internationales Klonverbot gefordert. Aber gleichzeitig wollen die Amerikaner das therapeutische Klonen verhindern, das ja eine interessante Perspektive für die Medizin ist, weil es Ersatzgewebe erzeugen könnte, ohne dass Abstoßungsreaktionen wie nach einer Organspende auftreten.

Ich habe am Beschluss der Deutschen Forschungsgemeinschaft, zum jetzigen Zeitpunkt das therapeutische Klonen nicht zu erproben, mitgearbeitet. Es ist noch sehr viel Grundlagenforschung nötig, um die Möglichkeiten dieses Verfahrens auszuloten.

Spricht da jetzt der politisch vorsichtige Wissenschaftsmanager oder der Forscher und Arzt?

Da mache ich keine Trennung. Auch Wissenschaftler müssen sich danach richten, was die Gesellschaft akzeptiert. Man sollte bescheiden sein. Leute, die immer schon alles wissen und die keine Zweifel haben, sind mir suspekt. Die Zukunft ist offen, und man sollte sich für neue Entscheidungen offen halten.

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