Kultur : Stammzellenforschung: Eine Frage des Gewissens

Markus Feldenkirchen

"Wolle mer se reinlasse", fragt alljährlich der Präsident der Mainzer Karnevalssitzung. Im Prinzip stellt sich diese Frage am 30. Januar auch der Deutsche Bundestag. Nur geht es nicht um mehr oder minder witzige Karnevalisten, sondern um embryonale Stammzellen. Es geht um eine Frage von höchster ethischer Brisanz: Darf man jene Zellen nach Deutschland importieren, daran forschen, obwohl zu ihrer Herstellung doch ein Embryo getötet werden musste?

Ja, sagen nicht nur viele Forscher, die sich von den Embryo-Stammzellen wichtige Erkenntnisse für die Medizin erhoffen, in einiger Zeit sogar die Heilung bislang unheilbarer Krankheiten wie Parkinson oder Diabetes. Nein, sagt eine gesellschaftliche Koalition aus Kirchen, Technik-Skeptikern oder Groß-Feullitonisten, weil der Schutz des menschlichen Lebens über den Heilungswünschen Einzelner stehen müsse.

Und was sagen die Abgeordneten des Bundestages, die nun entscheiden müssen? Viel. Insgesamt sechs Antragsentwürfe aus vier verschiedenen Parteien werden zur Zeit durch die Fraktionen gereicht, allein drei stammen aus den Reihen der Union, die - genau wie die SPD - Vertreter aller Positionen in ihren Reihen hat: vom kategorischen Importverhinderer bis zum glühenden Forschungsfanatiker. Erste wollen sogar die Herstellung von eigenen Stammzelllinien in Deutschland, wofür auch bei uns Embryonen getötet werden müssten. Letztere lehnen den Import so kategorisch ab, dass sie ihn gesetzlich verbieten wollen. Denn bislang dürfen Embryo-Stammzellen theoretisch eingeführt werden. Dass dies nicht geschehen ist, liegt auch an der Selbstverpflichtung der deutschen Forscher, noch so lange zu warten, bis der Bundestag sich zu dieser Frage verhalten hat.

Als Vorbereitung auf die Abstimmung haben bereits zwei Ethik-Kommissionen, der von Kanzler Gerhard Schröder eingesetzte Nationale Ethikrat und die Bundestags-Enquete-Kommission, Berichte zur Importfrage vorgelegt. Doch sie dienen den Abgeordneten allenfalls als Schmökermaterial. Denn die Entscheidungsempfehlung beider Gremien fiel unterschiedlich aus: Der Ethikrat sprach sich für einen kontrollierten Import aus, die Enquete-Kommission dagegen.

Jetzt soll allein das Gewissen der Abgeordneten zählen. Fraktionszwänge werden die Entscheidung wohl nicht behindern. Vielleicht liegt es auch daran, dass gerade diese Entscheidung so akribisch und unübersichtlich zugleich vorbereitet wird. "Mehr Gespräche als ich mir zeitlich leisten kann", muss etwa Grünen-Genexpertin Andrea Fischer führen. Noch werben die Experten aller Parteien um Zustimmung für ihre jeweilige Position. Dabei haben nicht einmal die Abgeordneten selbst ein Gespür dafür, welche Position am Ende die Mehrheit bekommt. Das hänge davon ab, welche der Anträge überhaupt in den Bundestag eingebracht werden und ob diese noch mal verändert werden, sagen die einen. Immer noch hätten sich zu viele Parlaments-Kollegen gar nicht mit dem Thema befasst, klagen die, die es schon getan haben. Bei denen könne man also gar nicht wissen, welch Geistes Kind sie sind. "Bei einigen wundere ich mich schon über die Ignoranz, mit der sie die Stammzell-Frage bisher verdrängt haben", klagt einer der Engagierten.

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