Kultur : Stampfen gehört dazu

Kinetische Kunst, die Schatten wirft: Grönlund/Nisunen bei Esther Schipper

Laura Weissmüller

Der Traum ist so alt wie die Menschheit: Einmal schwerelos zu sein, der eigenen Anziehungskraft zum Trotz durch den Raum zu gleiten und dabei alle physikalischen Gesetze zu missachten.

Obwohl die Installation des Künstlerduos Grönlund/Nisunen über zwei Pfeiler fest mit dem Galerieboden von Esther Schipper verankert ist, wirkt sie wie das Ziel dieses Traums. Doch zunächst muss der Betrachter der raumgreifenden Arbeit einen kräftigen Stoß versetzen. Erst dadurch beginnen die vier ineinander verschlungenen Ringe zu kreisen. In seiner Bewegung erinnert das „Antigravity Model“ an technische Geräte aus der Raumfahrt oder Modelle von Planetensystemen. Doch dieser wissenschaftliche Eindruck kontrastiert zunehmend mit der Poesie, die sich in der immer langsamer werdenden Bewegung der weißen Aluminiumringe entfaltet. Gleichzeitig erzeugt das Kreisen ein dumpfes Knacken, fast unheimlich begleiten die Geräusche die Drehungen über die Köpfe der Besucher hinweg. Wegen der Größe der Installationen ist der Auftritt bei Esther Schipper der ungeprobte Erstversuch, vielleicht hängt nicht zuletzt deswegen das Warnschild „Benutzung auf eigene Gefahr“ direkt daneben (55000 Euro).

Emsig ratternd und stampfend dagegen kündigt sich völlig ungefährlich im Hintergrund die zweite Installation der beiden Finnen an: 16 Metallscheiben sind in einem freistehenden Rahmen zu einem Quadrat angeordnet, ein grünes Gummiband, angetrieben von einem Elektromotor, hält sie in Bewegung. Dreht sich eine Platte, bewegen sich alle, nur die Geschwindigkeit ist unterschiedlich. Grelles Scheinwerferlicht richtet sich auf das silbern schimmernde Werk und über einen Spalt in jeder Scheibe projiziert sich die Konstruktion auf die dahinter liegende Wand, auch der Schatten des Betrachters gesellt sich dazu (16000 Euro).

Seit zwölf Jahren schon arbeitet der 1967 geborene Tommi Grönlund mit dem fünf Jahre älteren Petteri Nisunen zusammen. Wahrscheinlich ist die minimalistische Maschinenästhetik der Installationen, mit denen sie unter anderem 2001 auf der Venedig Biennale vertreten waren und 2004 an der Ausstellung „Berlin North“ im Hamburger Bahnhof teilnahmen, ihrem Beruf geschuldet: Beide sind Architekten. Trotz der modernen Techniken, die sie einsetzen, besitzen die Arbeiten ihre eigene Poesie. Vielleicht, weil sie nur auf den ersten Blick vorgeben, physikalische Phänomene zu untersuchen, aber jegliche wissenschaftliche Aussagen schuldig bleiben.

Parallelen zur kinetischen Kunst wie den Mobiles von Alexander Calder oder den maschinenartigen Skulpturen von Jean Tinguely sind offensichtlich. Auch bei Grönlund/Nisunen ist die mechanische Bewegung ein ästhetischer Bestandteil ihrer Werke. Gleichzeitig übernehmen unüberhörbar die Geräusche eine prominente Rolle: Das fabrikartige Stampfen von „Reel To Reel“ vermischt sich mit dem geheimnisvollem Knirschen der Ringe, ein Klangteppich entsteht, der noch den letzten Winkel der Galerie ausfüllt. Dazu passt, dass einer der beiden Künstler ein Musiklabel besitzt. Die verwobenen Töne sind das Erste, was der Besucher wahrnimmt, und das Letzte, was ihn beim Verlassen begleitet. Wie ein langsam verblassender Traum, der noch länger nachklingt.

Esther Schipper, Linienstr. 85, bis 27. August, Dienstag bis Sonnabend 11 bis 18 Uhr

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