Kultur : "Stand der Dinge": Von wegen elitär

Mit der Berliner Ausstellung "Stand der Dinge" tre

Catherine David wurde in Deutschland 1997 als Documenta-Macherin bekannt. Nun arbeitet sie erstmals in Berlin. Sie gilt als profilierte Kennerin außereuropäischer Kunst, der sie 1997 auf der Documenta und nun auch auf ihrer Berliner Ausstellung wieder ein Tor öffnet.



Mit der Berliner Ausstellung "Stand der Dinge" treten Sie zum ersten Mal seit der Documenta vor drei Jahren als Kuratorin wieder in Deutschland auf. Was haben sie in der Zwischenzeit gemacht?

Ich bin viel gereist. Mehrere Kunsthochschulen haben mich eingeladen und ich habe einige Ausstellungen organisiert, etwa in Buenos Aires für die Fundacion Proa. Für die Biennale 1999 in Sao Paulo habe ich das Video-Programm zusammengestellt.

Die Rezensionen der Documenta X fielen sehr unterschiedlich aus. Einigen Kritikern gefiel ihr Konzept, aktuelle Debatten in die Ausstellung zu integrieren; andere warfen Ihnen vor, die Schau sei zu theorielastig. Wie beurteilen sie heute diese Kontroverse?

Eine gute Documenta funktioniert wie eine Polemik. Sie ist ein Statement zur Lage und keine Fernsehshow, in der alles hübsch anzusehen ist. Die Presse-Resumees nach Abschluss waren durchweg positiv. Mein Versuch, ein breiteres Publikum für Kunsttheorie zu interessieren, wurde gut aufgenommen, wie die Besucherzahlen zeigen. Solche Diskussionen sind weder elitär noch theorielastig. Kunst wird ja nicht für Idioten gemacht. Man sollte das Publikum nicht wie Kinder behandeln, sondern ihnen Formen der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart näherbringen.

Vor der Documenta haben sie vorwiegend in romanischen Ländern und Frankreich gearbeitet. Wie unterscheidet sich die dortige Kunstszene von der deutschen?

Die Kunstszene in Deutschland ist viel artikulierter und besser organisiert als anderswo. Seit den 60er Jahren existiert hier ein großer Markt für Kunst; andererseits sind die ideologischen Vorgaben und Zwänge sehr stark. In Frankreich gibt es nichts, was man mit der Kölner Kunstmesse vergleichen könnte, und der Staat greift viel mehr in das Geschehen ein. Beides hat Vor- und Nachteile. Die staatlichen Interventionen fördern eine konsumistische Haltung gegenüber Kunst, doch das Niveau der theoretischen Debatten ist wesentlich höher. Ästhetische Wagnisse können die Leute noch beeindrucken; man hat mehr Gesprächspartner. In Frankreich gibt es noch politische Philosophen, in Deutschland nur Soziologen.

Eine Ihrer documenta-Abteilungen spielte sich ausschließlich im Internet ab. Hat das die Anerkennung für Kunst in den Neuen Medien befördert?

Offenbar: Darüber gab es noch nie so viele Symposien wie jetzt. Ich wollte damals ja nicht Anschauung durch theoretische Debatten ersetzen, sondern nur um die reflexive Dimension erweitern. Dass dieser Ansatz Zuspruch findet, scheint mir ein gutes Zeichen. Viele Ausstellungen, zum Beispiel die Newton-Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie, sind reines Spektakel. Dagegen setze ich auf ein anspruchvolles Programm für Leute, die sich dafür interessieren. Ich bin überzeugt: Der autoritäre Populismus beginnt an dem Tag, an dem nur noch angeboten wird, was die Mehrheit will. Wenn man nicht mehr die Wahl hat und nur noch von TV-Shows erschlagen wird, sind wir in der liberalen Diktatur.

In Berlin ist im vergangenen Jahrzehnt eine rege Galerieszene entstanden. Was halten Sie vom hiesigen Kunstbetrieb?

Diese vieldiskutierte Szene wird zunehmend komplexer. Die jungen Künstler sieht man weniger in den Galerien und mehr an alternativen Orten. Man muss aber unterscheiden zwischen einer beachtlichen künstlerischen Energie und ihren Werken, die oft nicht sehr aufregend sind. Es gibt zwei Extreme: Auf der einen Seite gibt es Institutionen, die routiniert, aber ohne Visionen arbeiten. Die andere Seite ist ein Kindergarten: Da amüsiert man sich. Das ist ein sympathisches Markenzeichen von Berlin: Viele sind hierher gekommen, weil das Leben billiger als in Paris oder London ist. Interessant könnte es werden, wenn es ab und zu Projekte gäbe, die darüber hinausweisen.

Sie haben sich intensiv mit aussereuropäischen Künstlern beschäftigt. Viele von ihnen sind in "Stand der Dinge" vertreten. Wollen Sie die auf dem europäischen Kunstmarkt einführen?

Nein: Der europäische Kunstmarkt interessiert mich nicht. Die Moderne ist keine Ping-Pong-Partie zwischen ein paar Metropolen; anderswo gibt es zeitlich unabhängige, interessante Phänomene. Die Avantgarde der 20er Jahre in Lateinamerika oder in arabischen Ländern in den 50er Jahren ist genauso modern. Mich befremdet, wenn aussereuropäische Künstler als von der Moderne abgeschnittene Exoten präsentiert werden, wie es 1989 in der Schau "Les Magiciens de la Terre" im Centre Pompidou geschah. Das ist bestenfalls Neo-Romantik und im schlimmsten Fall Neo-Kolonialismus.

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