Kultur : Stand der Technik

Frank Noack

reitet auf eisernen Rössern durch Deutschland Wir haben uns daran gewöhnt, dass von den jüngsten Kriegen keine aussagekräftigen Bilder existieren. Bei dem heutigen Stand der Technik wäre es möglich, jeden Bombenabwurf zu dokumentieren, von der Vorbereitung bis zu den Auswirkungen. Aber die Militärzensur lässt solche Bilder nicht an die Öffentlichkeit. Hat da jemand ein schlechtes Gewissen? Diese Frage stellt sich unweigerlich, wenn man das reichhaltige Bildmaterial aus dem Zweiten Weltkrieg betrachtet. Die amerikanischen und sowjetischen Kamerateams standen nicht unter Rechtfertigungsdruck, sie führten einen gerechten Krieg und durften alles filmen, was vor ihren Augen geschah. Spitzenregisseure wie John Ford und William Wyler sind schon vor Beginn einer zu erwartenden Schlacht an den betreffenden Schauplatz gebeten worden. Selbstverständlich gab es auch vor der Eroberung Berlins durch die Rote Armee entsprechende Vorbereitungen. 38 Kameramänner waren unter der Führung von Juli Raisman im Einsatz. Spätestens am Schneidetisch erkannte Raisman die künstlerischen Vorzüge: Die 38 Kameras standen für 38 verschiedene Perspektiven. Der Titel der Dokumentation lautet schlicht und unpathetisch Berlin . (Sonnabend im Zeughaus-Kino, Eintritt frei)

„Berlin“ war mit seinen kühnen Montagesequenzen ein Werk der Avantgarde. Ebenfalls ein solches ist Willy Zielkes Das Stahltier , ein Dokumentarfilm mit Spielszenen, der 1935 von der NS-Zensur verboten wurde. Zielkes Auftraggeber war die Reichsbahndirektion München, die das 100-jährige Bestehen der deutschen Eisenbahn feiern wollte. Doch Zielke ließ keine Feierstimmung aufkommen. Er zeigte Gleisarbeiter, die zur Begrüßung eines Ingenieurs „Heil Hitler“ brabbeln, ohne sich zu erheben oder ihr Frühstück zu unterbrechen. Wenn sich ein Arbeiter die Nase putzt, wird das Geräusch von einem Zugsignal kommentiert. Lakonisch, zuweilen respektlos ist der Ton des Films, der zum 100. Geburtstag des Komponisten gezeigt wird: Peter Kreuder konnte beweisen, dass er mehr als nur ein Schlagerlieferant war. (Dienstag im Filmmuseum Potsdam)

Der Stil eines Films hängt von den Verkehrsmitteln ab, die benutzt werden. Avantgardisten haben sich mehr für die Bahn als für Kutschen interessiert. Für radikale Formspiele eignen sich vorbeirasende Züge besser. Aber Jean Renoir wollte gar nicht modern sein, als er Die goldene Karosse (1953) drehte, eine Liebeserklärung an die Commedia dell’arte. Bei einer so temperamentvollen Hauptdarstellerin wie Anna Magnani waren keine schrägen Perspektiven oder wilden Schnitte nötig. (Dienstag im Arsenal)

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