Standortfrage : Wohin mit der Kunsthalle?

Nach dem vorläufigen Aus für den Standort am Humboldthafen geht die Suche weiter. Ein Berliner Streitgespräch.

Nicola Kuhn
Blumengrossmarkt
Blütenträume. Ab 2010 könnte im Blumengroßmarkt Kunst gedeihen. -Foto: Mike Wolff

So recht scheint ihr niemand eine Träne nachzuweinen: der Kunsthalle am Humboldthafen. Die große Begeisterung hatte der Vorstoß des Regierenden Bürgermeisters, den Bau durch den Tausch gegen ein Grundstück zu ermöglichen und den Investor dadurch zur Errichtung der Kunsthalle zu verpflichten, ohnehin nicht ausgelöst. Ein Kungelgeschäft, dem die Finanzkrise ein vorzeitiges Aus bescherte. Die bisherigen drei Bewerber für das 24 000 Quadratmeter große Areal am Humboldthafen erfüllten nicht die Forderungen des Liegenschaftsamts; der avisierte Favorit, der Immobilienkaufmann und Kunstsammler Nicolas Berggruen, gab seine Unterlagen gar nicht erst ab. Die Ausschreibung ist damit geplatzt. Nun muss sich der Senat eine neue Lösung überlegen, denn Wowereits Versprechen gilt weiterhin, noch in dieser Legislaturperiode mit dem Bau zu beginnen.

Gute Voraussetzungen für eine Podiumsdiskussion über die Zukunft einer permanenten Kunsthalle: Jetzt darf sich jeder wieder etwas wünschen. Die Stiftung Zukunft Berlin, deren Mitglied Dieter Rosenkranz schon die Finanzierung der für zwei Jahre am Schlossplatz ansässigen Kunsthalle großzügig sponsorte, hatte termingerecht zum Bekanntwerden des geplatzten Deals mit Nicolas Berggruen zum Streitgespräch eingeladen. Veranstaltungsort war die bitterkalte Temporäre Kunsthalle, deren Geschäftsführer Thomas Eller sich sogleich dagegen verwahrt, als Steigbügelhalter für die künftige, dauerhafte Halle zu gelten. Ja, als was denn sonst, wenn nicht als Beschleuniger und Beweis für die Notwendigkeit einer permanenten Einrichtung?

Gereon Sievernich, Direktor des Martin-Gropius Baus, empfiehlt deshalb, die Schubkraft der temporären Kunsthalle zu nutzen, um die eigentliche Institution voranzutreiben. „Ansonsten geht die Entwicklung an uns vorbei“, warnt er vor den unberechenbaren Dynamiken der Kunstmetropole. „In drei, vier Jahren könnte es schon zu spät sein.“ Auch die Grünen-Politikerin und Vorsitzende des Kulturausschusses im Abgeordnetenhaus Alice Ströver spricht sich dafür aus, mit der Kunsthalle „von politischer Seite ein Stützkorsett zu bauen, damit die Kreativität hier bleibt“.

Den Bedarf stellen die Diskutanten also nicht mehr infrage, zumal in einer Stadt, deren Künstler ihre Werke eher im MoMA in New York oder in der Tate Modern in London präsentieren. Wobei die immer wieder genannten Fälle, Thomas Demand und Olafur Eliasson, sehr wohl bald in Berlin ausstellen werden, in der Neuen Nationalgalerie und im Martin-Gropius-Bau. Moderator Volker Hassemer, Vorsitzender der Stiftung Zukunft Berlin, geht es vielmehr um das Wie und Wo einer Kunsthalle. Mit Dimitri Hegemann, dem Betreiber des künftigen Veranstaltungsorts Kraftwerk Mitte, hat er einen Verfechter der privaten Finanzierung und der Ruinenästhetik auf dem Podium. Alles andere sei ihm nicht „wild“ genug, erklärt der Begründer des Technoclubs Tresor. Die Künstler suchten das „industrial design“, den Charme der alten Mauerstadt, preist er seine 30 Meter hohen Hallen als geeignete Adresse an. Die bisher geplanten 2000 Quadratmeter seien für eine internationale Kunsthalle viel zu klein. Er lasse in seinem Kraftwerk mal eben 10 000 Quadratmeter brach liegen, gerade das Unfertige rege die Fantasie an.

Dagegen gesteht Alice Ströver ihre Angst vor solchen Dimensionen ein und bringt den Blumengroßmarkt wieder ins Spiel. Die Markthalle vis-à-vis dem Jüdischen Museum befinde sich nahe der Berlinischen Galerie und zahlreicher in den letzten Jahren hinzugekommener kommerzieller Galerien in geradezu idealer Lage. Im Sommer 2010 verlassen die Blumenhändler das Quartier. Gegenwärtig plant das Jüdische Museum auf der Hälfte des Areals ein „Education Center“. Der restliche Platz eigne sich perfekt für eine Kunsthalle.

Brigitte Lange, für die SPD im Kulturausschuss, verteidigt wacker die Wowereit-Position und kämpft als Einzige in der Runde für den Standort Humboldthafen. Aber selbst Werner Tammen vom Landesverband Berliner Galerien warnt vor einer unseligen Konkurrenz mit dem benachbarten Hamburger Bahnhof. „Das Projekt ist noch nicht gestorben“, versichert dennoch die Kulturpolitikerin. „Die Ausschreibung lässt sich wiederholen. Oder wir bauen die Kunsthalle am Humboldthafen eben selbst, zum Beispiel indem wir dort einige Grundstücke teuer verkaufen.“

Ansonsten ist sich das Podium bis auf Dimitri Hegemann einig, dass das Land Berlin Finanzierung und Unterhalt der Kunsthalle übernehmen müsse. Die Zeiten der Public-Private-Partnerschaft sind vorbei, warnt Gereon Sievernich. Die Finanzkrise habe Berlin noch längst nicht in vollem Ausmaß erreicht. Den bisherigen Kunsthallen-Plan fegte sie bereits vom Tisch.

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