Kultur : Stanley Spencer: Gott ist Sex, Sex ist Gott

Jörg von Uthmann

Jeder Künstler ist ein Außenseiter. Doch manche sind es mehr als andere - James Ensor zum Beispiel, der Maler skurriler Spukgestalten, oder der Eigenbrötler Robert Walser, der das Schreiben schließlich ganz aufgab, um sich in der abgeschiedenen Welt der Heilanstalten zur Ruhe zu setzen. Eines von Erik Saties Klavierstücken ("Vexation") sieht die 840-malige Wiederholung derselben Folge von 133 Noten vor. Als ihn Debussy ermahnte, mehr auf die Form zu achten, schrieb er "Drei Stücke in Form einer Birne".

Auch Stanley Spencer gehört in diese bizarre Gesellschaft. Als er 1959 starb, riefen ihn einige zum bedeutendsten englischen Maler des 20. Jahrhunderts aus. Doch der Ruf, der ihm anhaftet, ist der eines provinziellen Exzentrikers. Jetzt unternimmt die Tate Gallery, die ihm schon zu Lebzeiten eine große Retrospektive widmete, einen neuen Anlauf, ihn in die europäische Kunstgeschichte einzugemeinden. Der Versuch konnte nur unvollkommen gelingen. Was die Ausstellung dagegen vorstellt, ist ein urwüchsiges Talent, dem allerdings eine Eigenschaft völlig abgeht, noch dazu eine, die in England als nationale Tugend gilt - der Humor.

Spencer stammte aus einem frommen, aber nicht orthodoxen Haus in Cookham, einem westlichen Vorort von London. Der begabte Junge wurde von der besten Kunstschule des Landes, der Slade School of Fine Arts, angenommen, wo er gründlich zeichnen lernte. Doch die Chance, auch die Hauptstadt kennen zu lernen, nutzte er nicht: Jeden Tag fuhr er nach dem Unterricht wieder in sein Dorf zurück. Auch für die zeitgenössische Kunst zeigte er wenig Interesse. Er wollte malen wie Giotto. Für das italienische Mittelalter hatten sich schon die Präraffaeliten begeistert, als deren Nachfahre Spencer in gewissem Sinne gelten kann. Doch verrät ein effektvolles Selbstbildnis des 23-Jährigen, dass er sich auch auf die Dramatik Caravaggios verstand.

Erst mit 30 entdeckte er die Wonnen des Geschlechtsverkehrs. Er zelebrierte das Ereignis mit einer monumentalen, nach Cookham verlegten "Auferstehung", bei der seine Braut Hilda gleich dreimal in Erscheinung tritt. Auch Hilda malte. Mit ihr und ihrer Familie unternahm er 1922 seine erste Auslandsreise. Das Reiseziel war nicht die Kunstmetropole Paris, sondern Jugoslawien. Auf der Rückfahrt besuchte man Wien, München und Köln. Die Bekanntschaft mit deutschen Museen könnte erklären, warum Spencers Kunst mit französischen Strömungen so gut wie nichts zu tun hat, aber sehr viel mit der "Neuen Sachlichkeit". Dies wird besonders deutlich in der Sandham Memorial Chapel, einem Kriegerdenkmal, dessen Fresken Spencer fünf Jahre lang (1927-32) beschäftigten. Sie sind sein bedeutendstes Werk. Auch eine "Kreuzigung", die er ein Jahr vor seinem Tod vollendete, wirkt in ihrer grimmigen Brutalität wie ein Bild von Otto Dix.

1932 begann Spencer mit einem Tempel für sich selbst. Das "Church-House", in der Tate Gallery virtuell nachgestellt, sollte die sinnliche und die fromme Seite seines Daseins in bunter Mischung feiern. Der Tempel wurde nie vollendet, und zu feiern gab es immer weniger. Spencers Ehe ging in die Brüche. Er hatte sich in sein Modell Patricia Preece verliebt, überschrieb ihr sein Haus und heiratete sie. Doch die Ehe wurde nie vollzogen, denn Patricia war lesbisch und nahm ihre Freundin sogar auf die Hochzeitsreise mit. Nach einem Jahr setzte sie ihren Gatten auf die Straße.

Solange die Beziehung dauerte, wurde Spencer nicht müde, seine nicht mehr ganz jugendfrische Geliebte als Akt oder in schwarzer Reizwäsche zu vergöttern. Einige dieser höchst naturalistischen Liebeserklärungen wurden in den fünfziger Jahren von Sir Alfred Munnings, dem Direktor der Royal Academy, entdeckt und zur Kenntnis der Polizei gebracht. Befriedigt schilderte der "Daily Express", wie der Eigentümer eines dieser "saucy pictures" das Corpus delicti eigenfüßig zertrampelte. Das berühmteste Bild dieser Periode, der "Doppelakt mit Hammelkeule", überlebte die Inquisition nur deshalb, weil Spencer es unter seinem Bett versteckte.

Nach dem Bruch mit Patricia malte Spencer eine Serie, die er "Beatitudes" (Seligpreisungen) taufte. Dargestellt ist jeweils ein mickriger Mann - Spencer selbst war kaum größer als anderthalb Meter - mit einer voluminösen Frau. Die Vermutung liegt nahe, dass hier ein verschmähter Liebhaber seine Wut auf das weibliche Geschlecht hinausposaunt. Aber weit gefehlt: Die grotesken Paare sind durchaus ernst gemeint - als Lobgesang auf das Glück der Ehe. Die gleiche Verwunderung stellt sich beim Betrachten von Bildern mit Titeln wie "Liebe unter den Völkern" oder "Ein Dorf im Himmel" ein. Auch diese kindlichen, naiv-rassistischen Szenen kommen, wie Spencer glaubhaft versicherte, aus der Tiefe seines Gemüts.

Aber in seinen besten Werken erweist er sich als virtuoser Zeichner, oft mit einer Vorliebe für ausgefallene, Schwindel erregende Perspektiven. Auch seine Selbstbildnisse sind Kabinettstücke. Seine Tragödie war, dass er im falschen Jahrhundert lebte. Mit einem Mann, der Cookham für das Paradies hielt und Sex für Gott, hat unser zynisches Zeitalter nur wenig Geduld. Ein Fehler, denn Stanley Spencer war, was unsere konformistische Gesellschaft dringend braucht: ein echtes Original.

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