Kultur : Stapel-, falt- und aufblasbar

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Von Günter Höhne

Weil am Rhein, im Dreiländereck Deutschland-Schweiz-Frankreich gelegen, wirbt für sich als „Stadt der Stühle“, reißt den Besucher aber auf den ersten Blick nicht aus dem Sessel. Das Betonboulevardzentrum im Geist der fünfziger und sechziger Jahre erinnert ein bisschen an das von Trebbin, der brandenburgischen Partnerstadt. In Weil zu verweilen lohnt sich dennoch – wenn man jenen Ort aufsucht, aus dem es seinen Bein zieht: das an der Peripherie angesiedelte weltbekannte Büromöbel-Werk von Vitra, das in den Depots seines nicht minder berühmten Vitra Design Museums über 3000 seriell gefertigte Möbelstücke aus dem Zeitraum von 1820 bis heute beherbergt, vor allem eben Stühle.

An die 50 000 Besucher pilgern Jahr für Jahr hierher, freilich nicht allein wegen der Sitzgelegenheiten aus aller Welt. Nachdem sich Vitra-Unternehmensinhaber, Eames-Liebhaber (und -Produzent) und Möbeldesignsammler Rolf Fehlbaum bereits im Jahr 1981 eine Aufsehen erregende Fabrikhalle von Nicholas Grimshaw hatte errichten lassen, beauftragte er Ende der achtziger Jahre den kalifornischen Baumeister Frank O. Gehry mit der Architektur des Vitra Museums, das zunächst als Vorzeigeobjekt für Firmenkunden gedacht war. Ein unerwartet glückliches Wachstum der Fehlbaumschen Möbelsammlung und ebensolches Zusammentreffen mit dem als Museumsdirektor wie gerufen kommenden Auch-Sammler und Auch-Eames-Kenner Alexander von Vegesack ließen die ursprüngliche Idee eines nur unternehmensinternen in die eines öffentlichen Museums wenden. Das vor 13 Jahren eingeweihte Gebäude erregte sogleich Aufsehen. Ihm und einer zeitgleich von Gehry errichteten Fabrikationshalle folgten weitere Zweck-Neubauten internationaler Top-Architekten auf dem Werksgelände, darunter die 1993 von der Kritik gefeierte, als solche allerdings unbenutzbare Feuerwache von Zaha Hadid. Und seit kurzem bereichert in unmittelbarer Nachbarschaft einer 1994 von Alvaro Siza entworfenen Produktionshalle noch ein Highlight das Vitra-Bautenensemble, nunmehr allerdings ein serieller Klassiker: ein Original von Buckminster Fullers „Dom“. Er dient, vorm Werkstor aufgestellt, als Veranstaltungsforum. In Gehrys Museumsbau selbst wechseln seit 1989 vielfältige Ausstellungen einander ab. Die derzeitige Ausstellung heißt „Design und Architektur für flexibles Wohnen“. Die Vorbereitung nahm gut zwei Jahre in Anspruch. Wie sämtliche bisherigen Aktionen des Vitra Design Museums wurde sie gänzlich aus eigenen Museums-Mitteln und Sponsoren-Zuwendungen gestemmt. Einen beachtlichen Anteil der Eigenmittel spielt übrigens der weltweite Verkauf der Stuhlklassiker-Zwerge aus der „Vitra Design Museum – Miniatures Collection“ ein.

Die Wohn-Ausstellung knüpft bewusst an ein früheres Ausstellungsprojekt an, das sich unter dem Titel „Automobility – Was uns bewegt“ dem Spannungsfeld von Mobilität – Auto – Verkehr widmete. Hauskurator Mathias Schwartz-Clauss stieß bei dessen Realisierung auf eine Menge weiterer, moderner Lebenswelten im doppelten Wortsinne bewegend gestaltender Aspekte, aus denen sich das neue Konzept fast zwangsläufig entwickelte. Doch wo anfangen zwischen Hausboot, Caravan, modularer Architektur und Klappbett, wo aufhören, was auslassen und wie das Ganze ordnen?

Ein Blick in die Liste der Objekte und Funktionskategorien lässt die Probleme erahnen: Von A wie „Anpassbare Böden und Decken“ bis Z wie „Zerlegbare Möbel“ erstreckt sich das Alphabet des nunmehr zu Sehenden und teils auch zu Begehenden, darunter eine usbekische Jurte, der teleskopartig erweiterbare Wohncontainer des österreichischen Architektenteams Kaufmann und Kaufmann sowie ein auseinanderfaltbarer Wohnwagen des Niederländers Eduard Böthlingk vor dem Museumsgebäude. In seinen Räumen dann Hausboot- und Dschunken-Modelle sowie Darstellungen von Wohnwagenparks, „mobilen Städten“, wandelbaren Wohnhäusern, Behausungen für Flüchtlinge und Obdachlose. Zudem stapel-, falt- und aufblasbare sowie Mulitfunktions- und System-Möbel, solche auf Rädern und gar am menschlichen Körper zu tragende, auch Raumteiler, Schiebewände, Paravents, motorisierte und multifunktionale Einrichtungen, mobile Kochgelegenheiten, tragbare Kommunikationsgeräte – und natürlich allerlei hypermobile Sitzgelegenheiten. All dies und noch mehr – insgesamt rund 150 dreidimensionale Schaustücke – gleichwohl in verdaulichen Portionen dem Publikum nahe zu bringen, gelang dem Kurator und seinem Ausstellungsarchitekten Dieter Thiel mittels eines überzeugenden Kunstgriffs: Sie gliederten das Ganze nach den immanenten Funktionen oder Leistungen der Objekte in die sechs Kapitel „Transportieren“, „Anpassen“, „Kombinieren“, „Montieren und Demontieren“, „Falten und Entfalten“ sowie „Tragen und Mitnehmen“.

Die facettenreiche, faszinierende Lebenswelten-Ausstellung, wohl eine der wenn nicht komplettesten, so doch komplexesten, die jemals bei Vitra in Weil zu sehen waren, wird ab September wandern – zuallererst ins Berliner Vitra Museum im Prenzlauer Berg und anschließend quer durch Europa.

Weil am Rhein, Vitra Design Museum, bis 8. September. Katalog 29 €. Weitere Informationen unter www.design-museum.de

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