Star-Dirigent : Barenboim: „Ich fühle mich nicht unter Zeitdruck“

Berlin ist weit weg: Daniel Barenboim weilt derzeit in New York und arbeitet an der berühmten Metropolitan Opera. Sein Comeback in der Staatsoper Unter den Linden gibt er zwar erst im März, den Blick für die Berliner Heimatfront hat er dennoch nicht verloren.

Christine Lemke-Matwey

Auf dem Papier sieht das nicht gut aus. Dem Spielplan der Staatsoper zufolge tritt Daniel Barenboim erst am 8. März 2009 Unter den Linden wieder leibhaftig in Erscheinung. Seit November ist er fort, weilt derzeit in New York: für sein Met- Debüt mit Wagners „Tristan“, für den ersten Klavierabend ebenda seit Vladimir Horowitz, für Kammermusik bei den Vereinten Nationen und die Uraufführung eines Klavierkonzerts des demnächst 100-jährigen, putzmunteren Elliott Carter.

Barenboim aber wäre nicht der „Whirlwind“, als den die „New York Times“ ihn dieser Tage lobt und preist, wenn das, ha, alles wäre. Das Neujahrskonzert bei den Wiener Philharmonikern (sein erstes), eine kleine Geburtstagstournee zum 10-jährigen Bestehen mit dem West-Eastern Divan Orchester durch Europa sowie Anfang Februar die Wiederaufnahme des Chéreau-„Tristan“ an der Mailänder Scala – Fliegen ist eben auch eine Leidenschaft. Fasten your seat belt.

Und was tut sich derweil an der Berliner Heimatfront? Barenboim sitzt im Hotel in New York und fixiert seinen Melonensaft: „Die Entscheidung für den Paulick-Saal ist gefallen, das Schiller- Theater als Ausweichquartier habe ich akzeptiert, und über die Kommunikation mit unserem kommissarischen Intendanten Ronny Adler machen Sie sich mal keine Sorgen.“ Der Maestro bestellt eine Eierspeise: „Also was soll los sein in Berlin?“

Los sein könnte, dass die Lindenoper nicht nur eine organisatorische, sondern eine künstlerische Führung braucht, eine zeitfühlige, vorausdenkende. Los sein könnte auch, dass das Leben im Ausweichquartier ein Haus nicht stärkt, sondern eher schwächt. „Ich fühle mich in der Intendantenfrage nicht unter Zeitdruck.“

Die Eier haben gemundet, ums Eck in der Madison Avenue brüllt der Thanksgiving-Holiday-Super-Sale, oben wartet das Klavier, außerdem schmerzt sein rechtes Knie. Dagegen nehmen sich Berlins Opernfragen in der Tat ziemlich kleinkariert aus. Ob der Stadt nun bald zwei Intendanten fehlen oder der frisch bestallte Chefdirigent des dritten Hauses wackelt – aus der Ferne und beim Reisen relativiert sich manches. Die Bauchkrämpfe der Opernstiftung haben Daniel Barenboim noch nie sonderlich interessiert.

Aber so sagt er das natürlich nicht. Betont stattdessen, dass er zwischenzeitlich sehr wohl in Berlin sei, im Dezember wie im Januar. Und was ist mit Falk Walters leicht panischem Vorstoß, den Admiralspalast doch noch gegen das Schiller- Theater in die Waagschale zu werfen? „Zu spät. Und zu durchsichtig. Außerdem bietet dieses Haus jenseits der Bühne für uns zu wenig Platz.“ Falk Walter behauptet unterdessen, genau dieses Platzproblem sei gelöst.

Die umjubelte „Tristan“-Wiederaufnahme dirigiert Barenboim mit emphatischen Gesten. Als gäbe es kein Knie und kein nöliges Zuhause. Das Met-Orchester spielt wie mit Manna gefüttert, voll irrem Fieberglanz im Ton und doch unerhört schnittig, seidig, innig. Katarina Dalayman und Peter Seiffert stemmen wacker das Liebespaar, René Papes Marke steht im absoluten Zenit der Partie. Einen wie Barenboim, schreibt die „New York Times“, müsse die Met unbedingt festhalten. Grüße aus Berlin: Das wird nicht gelingen.

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