Kultur : Star-Jubiläum: Hartes Hollywood: Gene Hackman wird 70

Peter W. Jansen

Da ihm in einigen Handbüchern das Geburtsjahr 1930 nachgesagt wird, hatten es einige andere eilig, ihm schon vor Jahresfrist zum Siebzigsten zu gratulieren. Als ob Eile charmant wäre. Dabei ließe sich die Geschichte auch so erzählen: Als er 15 war, hielt er es nicht mehr aus in einem chaotischen Elternhaus und suchte eine neue Heimat bei den Marines. Die aber nehmen keine Burschen unter 16.

Bei den Marines war er dann drei Jahre, und die haben ihn so hart gemacht wie Popeye Doyle glaubt sein zu müssen, wenn er aus kleinen Dealern die Connection zu den großen Dealern herausprügeln will. Im übrigen steht er stundenlang - schlampig und ungewaschen und unrasiert sowieso - an den Ecken in Brooklyn herum und geht seinem Partner Roy Scheider, der sich in dem Film Buddy Russo nennt, gewaltig auf die Nerven.

Für diese Rolle eines kaputten, rassistischen Detektivs, der kein bisschen besser ist als die Typen, die er zusammenschlägt, und von denen ihn nur die Lizenz unterscheidet, die ihn aber auch nicht auf ewig schützen wird - für diese Rolle "French Connection" bekam Gene Hackman seinen ersten Oscar. Nominiert gewesen war er schon vier Jahre und ein Dutzend Filme vorher für den Buck Barrow, den gewalttätigen und bürgerlichen Bruder von Clyde Barrow, dem sexuell gestörten und nach Bedarf killenden Bankräuber und Partner der Bonnie Parker Faye Dunaway, der sich privat Warren Beatty nennt.

Das chaotische Leben der frühen Jahre formte ihn zu dem Proleten mit Hirn und mit Macho-Allüren, denen er (fast) immer anmerken lässt, dass er auch anders könnte. Und dass sich dieser vierschrötige, hochgewachsene Bulle mit zerknautschtem und ewig schlecht rasiertem Gesicht, dieser typische Einzelgänger, der sich am liebsten nie den lächerlich kleinen Hut abnimmt, sich nach nichts mehr sehnt als nach Normalität, was immer das sein mag. Dafür krempelt er, ganz Mann von der Straße, die Ärmel hoch und langt zu, und wenn er das Gesetz auf seiner Seite weiß, ist er allezeit bereit, dessen Grenzen zu übertreten. Wie in "Mississippi Burning", wo er einen zu jeder Brutalität entschlossenen FBI-Agenten spielt, der zur Aufklärung eines Lynchmords in den Süden geschickt worden ist, von dem er so wenig begreift, dass er in seiner Hilflosigkeit zur Selbstjustiz Zuflucht nimmt. Für diesen Anderson - und dessen Kaputtheit und Brüche - wurde er 1989 auf der Berlinale als bester Schauspieler ausgezeichnet.

Ganz bruchlos ist er eigentlich nie, und die vielen mittelmäßigen bis miesen Filmen, in denen einer mitmachen muss, der so viel arbeitet wie er, sind oft nur deshalb sehenswert. Unvergesslich bleibt sein Harry Caul, der Detektiv als Abhörspezialist in Coppolas "Dialog". Da wird der Radiotechniker Gene Hackman zum Opfer seiner "déformation professionelle", wittert in jedem Sessel und Sofa seiner Wohnung ein Mikrofon, wähnt hinter jeder Kachel und Tapete eine Wanze und sitzt am Ende in den ebenso paranoid wie säuberlich zerlegten Trümmern, so kaputt wie das ganze Ambiente. Und dann spielt er sich selbst etwas vor auf seinem Saxophon.

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