Starflughafen : Revolver auf dem Rollfeld

Seit jeher landen die Berlinale-Gäste in Tempelhof. Mit dem Airport schließt auch ein Kapitel Filmgeschichte.

Andreas Conrad

Schon auf dem Rollfeld, direkt neben der Linienmaschine, mit der er aus Düsseldorf gekommen war, richteten sich die Revolver auf ihn. Hilflos hob er die Hände, den Kopf schicksalsergeben gesenkt. Der Sheriffstern, den man ihm angesteckt hatte, was nutzte der schon, war er doch von einem halben Dutzend weiblicher Sheriffs umzingelt. Zumal das Blechabzeichen nicht sehr offiziell wirkte mit dem eingestanzten Namen „Cat Ballou“.

Eine tolle Show wurde Fotografen und Zaungästen geboten, als Lee Marvin zur Berlinale 1965 in Tempelhof ankam, von einem Empfangskomitee stilgerecht empfangen. Auch draußen vor dem Abfertigungsgebäude wartete nicht etwa ein chromglänzender Benz auf den Mann aus Amerika, sondern eine mehrspännige Westernkutsche, wiederum mit „Cat Ballou“-Schriftzug. Mal nahm Marvin innen Platz, die Zigarette cool im rechten Mundwinkel, mal sprang er auf den Kutschbock und schwang die Peitsche, als seien Banditen hinter ihm her. Schon all das wäre eigentlich den Silbernen Bären wert gewesen, der dem Schauspieler für seine Hauptrolle in der Westernkomödie zuletzt zugesprochen wurde.

Dramatische Auftritte wie dieser blieben die Ausnahme in Tempelhof, obwohl seine ehrwürdigen Hallen von manchem Star betreten wurden und sie der erste Eindruck von der Stadt waren. Mehr noch, der „Zentralflughafen“, zu dem ein nachts verheißungsvoll strahlender Schriftzug ihn noch immer adelt, war jahrzehntelang Berlins oder doch West-Berlins Tor zur Welt des Glamours, wonach die im heißen wie im Kalten Krieg geschundene Stadt so lechzte. Lange Zeit blieb es sogar das einzige Tor, erst später schob sich Tegel in den Vordergrund, und auf dem traditionsreichen, fast mythischen Rollfeld in der Innenstadt schwebten immer weniger Stars ein – zuletzt dann mit Vorliebe in ihren Privatjets, nicht mehr in Linienmaschinen wie in früheren Jahrzehnten. Auch damit dürfte es bald vorbei sein, und falls nicht noch ein Wunder geschieht, wird dies die letzte Berlinale mit Tempelhofer Beteiligung sein. Ist im Herbst die letzte Maschine gestartet, endet auch ein Kapitel Filmgeschichte.

Der allererste Superstar der Berlinale, Joan Fontaine 1951 in Hitchcocks „Rebecca“, nahm allerdings den Umweg über Gatow, damals noch teilweise zivil genutzt. Die Fahrt zum Rathaus Schöneberg glich einem Triumphzug – und gab eine Vorahnung darauf, mit welch euphorischem Jubel die Berliner ihre Gäste aus der Glitzerwelt des Films empfangen würden. Tempelhof war stets der Ort der ersten Liebesbekundungen, offizieller wie spontaner: Bereits an der Gangway Blumen für die Stars und auch mal einen Plüschbären oder Präsentkorb, Fotografen, Reporter mit Schreibblock oder Mikrofon, Kamerateams, später nach der Ausweiskontrolle die Kohorten der Jünger, Autogrammjäger, Schaulustigen. Eine rituelle Umarmung, der sich niemand entziehen konnte.

Die Liste der Tempelhof-Flieger unter den Berlinale-Gästen liest sich wie ein Who-is-who des internationalen Filmbusiness: Vorneweg die einheimischen Stars, Horst Buchholz und Romy Schneider Seite an Seite, Heinz Rühmann, Curd Jürgens, Hardy Krüger, Hildegard Knef; sodann die Europäer, Gina Lollobrigida, Jean-Paul Belmondo, Charles Aznavour, Fernandel, Jean Gabin, Jean Marais, David Attenborough, Bud Spencer und Claudia Cardinale; schließlich die Herrschaften aus Hollywood, Cary Grant, Gary Cooper, Harold Lloyd, Charlton Heston, Lex Barker, Shirley MacLaine, Kirk Douglas, Karl Malden, James Stewart, Sidney Poitier, Erol Flynn, Walt Disney und nicht zuletzt Jayne Mansfield. Deren für die Ankunft in Tempelhof gewähltes Outfit gab gleich einen Vorgeschmack auf ihre offenherzigen Auftritte, denen die Festspiele 1961 einen Beinamen verdankte: Busen-Berlinale.

Damit ist es zumindest in Tempelhof wohl bald vorbei. Die Stars der Zukunft werden auf den Schönefelder Rollbahnen niedergehen, weit entfernt vom Herzen der Stadt, weit weg auch von ihren Fans. Und auf Triumphzüge durch die Stadt, womöglich in einer Westernkutsche, dürfen sie schon gar nicht mehr hoffen.

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