Kultur : Stark unter Druck

Der Filmschauspielerin Gena Rowlands zum 80.

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Als Gena Rowlands 1959 kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes steht, hat ihr Ehemann nicht nur 10 000 Dollar Schulden wegen seines ersten Filmprojekts in eigener Regie, sondern auch noch das angesparte Geld für die Klinikrechnung versetzt. Wegen Dreharbeiten lässt John Cassavetes sich schon seit Jahren nur noch zum Übernachten zu Hause blicken. Locker nimmt die junge Schauspielerin solche Ausfallerscheinungen nicht. Doch sie ist selbst viel zu sehr vom Künstlergeist besessen, um solche Radikalität nicht auch zu verstehen.

Schon mit 14 steht die Bankierstochter Virginia Cathryn Rowlands aus Madison, Wisconsin, erstmals auf der Bühne. Früh auch nennt sie sich Gena (ausgesprochen: Djenna) und schmeißt bald ihre Ausbildung an der New Yorker American Academy of Dramatic Arts, als sie eine kleine feste Rolle in einer Revue an der Upper Eastside ergattert. 1955 wird sie zum ersten Fernsehauftritt in einer NBC-Serie überredet, und bald wird sie fürs Kino entdeckt – in „The High Cost of Loving“ von José Ferrer.

Während ihrer Schauspielausbildung beginnt auch die Romanze mit dem nur wenige Monate älteren Kollegen und Großstadthallodri John Cassavetes, der in der attraktiven Blonden aus gutem Hause sofort seine künftige Gattin sieht. 1954 heiraten sie – ein nach Herkunft und Lebensweise höchst gegensätzliches Paar. Doch ihre Ehe erweist sich trotz heftiger Turbulenzen bis zu Cassavetes’ frühem Tod 1989 als dauerhaft und und auch geistig produktiv.

Dazu gehören vor allem die acht Filme unter Cassavetes’ Regie, in denen die theatererprobte Darstellerin ihre Kunst auch filmisch prägnant in Szene setzt: Oscar-Nominierungen bringen ihr „A Woman Under the Influence“ (1974) und „Gloria“ (1980) ein, wo sie mit kaum gezähmter Energie starke Frauen gibt, die unter äußerem Druck zu kollabieren drohen. Gloria, die Gangsterbraut, gerät unvermittelt und unwillig mit einem Kind auf die Flucht und wächst daran. Myrtle nimmt Mutter- und sonstige weibliche Pflichten so ernst, dass sie daran fast zerbricht. Hochkompliziert, nervös und in ihrer Integrität bedroht sind ihre Figuren bei Cassavetes fast immer. Dabei gibt Rowlands ihnen einen kräftigen Überschuss an Weiblichkeit mit, der deren zwanghafte Rollenhaftigkeit eher ausstellt als kaschiert. Anders auch als viele Kolleginnen hat sie trotz aller natürlichen Schönheit vor dem Häßlichsein keine Angst. Und die Liebe, die doch Rettung verheißen soll – etwa in Cassavetes’ „Love Streams“ von 1984 – macht die Sache nur noch schlimmer. Ihr Antikonformismus und die spröde Eleganz verbinden sie mit Vorbildern wie Bette Davis, Marlene Dietrich oder Jeanne Moreau.

So entgeht sie dem Karriereknick, der viele Akteurinnen im mittleren Alter trifft. Woody Allen, Terence Davies, Lasse Hallström, Jim Jarmusch und Paul Schrader haben ihr nach dem Tod von Cassavetes große Rollen anvertraut. Ebenso Sohn Nick und Tochter Zoe, die selber Regisseure geworden sind. Auch heute, da sie kaum vorstellbare 80 wird, ist Gena Rowlands als Schauspielerin immer noch dabei. Silvia Hallensleben

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