Kultur : Starker Abgang für Brenner

Wolf Haas bendet seinen halbhochdeutschen Krimizyklus

Hans-Peter Kunisch

Jetzt Hochsprung: Stell Dir vor: Latte hoch, höher und alles. Kommst nicht mehr bloß mit. Musst springen, alles! Aber interessant: Drüben stehn sie, warten, gucken, die Anni dabei. Dann: Hört einer auf, duscht, geht außenrum, plaudert. Mit der Fritzi, der Anni, trösten ihn, weg.

Als Moritz Baßler im Jahre 2001 die deutschen Popliteraten als Archivisten der deutschen Alltagskultur feierte, sie in seinem spaßbetonten Germanistendeutsch damit gleich selber archivierte , ist der 1960 geborene Österreicher Wolf Haas richtig berühmt geworden. Als einer, der die Archivierung der Gegenwart popliterarisch betreibt und doch irgendwie klassisch erzählen kann. In Krimis, mit Mord, Totschlag und allem.

Krimi und Literatur? Da heißt es: aufgepasst. Das ist ja schon in den Achtzigerjahren im Seminar gesagt worden und hat in den Neunzigern in den Feuilletons die Runde gemacht. Und noch heute: Wenn einer ein bisschen Unterhaltungsspannung erzeugt, nicht ganz dumm, dann ist er gleich wie der Poe. Vorsicht! Würde der Brenner sagen. Vorsicht! Krimi oder Literatur! Krimi heißt: mögen alle lesen. Literatur ist gleich: mögen schon viel weniger lesen.

Der Brenner ist der Held von Wolf Haas: Detektiv, Ex-Polizist, Modellgrazer quasi, aus Puntigam: Lustig samma, Puntigamer! Im sechsten und, so heißt es, letzten Brenner-Krimi „Das ewige Leben“ hat er diesen Bierbrauereiwerbespruch, durch den die steirische Kleinbürgervorstadt bekannt geworden ist, sogar auf den Lippen, als er das erste Mal wieder aufwacht nach seinem Selbstmordversuch oder nachdem ihn der Grazer Polizeichef hat umbringen wollen. Selbstmordversuch, sagen alle. Grazer Polizeichef, sagt der Brenner. Kugel, so oder so.

Der Grazer Polizeichef, das ist der Aschenbrenner: Damals, da waren es vier, der Aschenbrenner, der Brenner, der Köck und der Saarinnen, die auf der Polizeischule vom Protonig alles über Sicherungssysteme gelernt haben. Zu viel, möchte man heute sagen. Obwohl nicht herausgekommen ist, dass die vier 1973 am Faschingsdienstag 67000 Schilling in einer Raiffeisenkasse erbeutet haben. Der Saarinnen ist leider dabei draufgegangen. Unfall. Heute ist der Aschenbrenner Polizeichef, der Köck Stadionwart im Alois-Schwarzenegger-Stadion und der Brenner wieder in Graz. Und alles bricht auf!

Dialekt ist nicht alles

Baßler hat schon Recht: Der Haas, das ist ein klassischer Krimierzähler, auf seine Weise. Tatsächlich gibt es anfangs einen Quasi-Mordfall: den mit dem Brenner, der allerdings vielleicht keiner ist, dann noch einen, und noch zwei. Und der Brenner, der sich auf dem Sterbebett befunden hat, ist wie zufällig nach drei Wochen wieder aufgewacht in der Sigmund-Freud-Landesklinik und übernimmt die Aufklärung der Morde selbst. Das Auffälligste an dem Brenner-Roman ist natürlich, dass er nicht so geschrieben steht, wie Krimis so geschrieben werden. Hochdeutsch, damit’s alle verstehen. Aber Dialekt ist es ja auch nicht, was der Haas schreibt. Es ist eher so eine Floskelei. Eine Mischung, die man von Ödön von Horváth her kennt, Geschichten aus dem Wienerwald, oder von Werner Schwab. Auch einer, der das Halbhochdeutsch auf eine Weise präsentiert, dass seine Figuren alles aus ihrer verkorksten Seele erzählen.

Der Brenner? Das ist im Grunde ein Grantler, ein Schlauer, ein Profi, widerborstig, so einer, der dermaßen viel Erfahrung hat mit seinen 52 Jahren, dass er immer noch eine Windung mehr hat im Gehirn als der Leser oder der Mörder, auch wenn er deppert ist, der Brenner. Und weil der Brenner so ist und weil das Lesen der intelligenten Brenner-Romane lustig ist, aber sonst mehr so alles bestätigt, was einer eh weiß, ist der Haas vielleicht also doch eher Krimi als Literatur? Aber die Sprache! Ist halt doch kein falsches Wort dabei! Doch Literatur!

In Interviews sagt Haas gerne, dass er „immer noch mit diesem etwas billigen Trick“ arbeitet, sich „in einem weniger ernsthaften Feld zu versuchen. Früher ist es die Werbung und jetzt die Kommerzgattung ,Krimi’. Da kann ich einfach entspannter arbeiten.“ Und: „Krimis werden meiner Meinung nach heute ziemlich überschätzt. Im Feuilleton wird oft so getan, als wäre der Krimi wahnsinnig interessant und hätte eine gewaltige gesellschaftliche Relevanz. Das stimmt doch überhaupt nicht. Die meisten Krimis sind Trivialliteratur im besten Sinn.“

Schluss mit Normromanen

Und dann brät der Haas (ganz Brenner in seiner Jugend, der dem drei Jahre älteren Schwarzenegger damals eine gelangt hat vor der Schule) dem Mankell eins über, der immer so gesellschaftskritisch daherfaselt.

Ja, der Haas ist sympathisch. Nur dass er keinen Brenner mehr schreiben will, klingt schrecklich: „Ich werde eine neue Form des Erzählens finden“, und, es werde keinen „Normroman“ mehr geben. Da hat uns dieses „ewige Leben“ doch zu massiv gut gefallen. Noch einen Normroman! Aber tatsächlich ist es ja so, dass der Schluss vom „ewigen Leben“ gar nicht danach aussieht, als werde es keinen Brenner mehr geben. Warum? Das verrät sich nicht.

Sowieso wird es bald Brenner-Interpretationsklubs geben wie heute bei Arno Schmidt. Astrid Poier-Bernhard jedenfalls hat jetzt so ein kleines der Brenner-Exegese gewidmete Werk geschrieben, das sich dem Stil der Brenner-Romane, da schau her!, angleicht, aber eben doch nicht so ganz. Es ist interessant, was sie so mitteilt, und jeder Brenner-Leser wird davon profitieren, wenn ihm nicht die dahinter steckende Haltung missfällt.

Es ist nämlich so, dass Astrid Poier-Bernhard einem etwas beibringen will. Sie macht auf harmlos, wird dann aber so pädagogisch, wie der Brenner gar nicht ist und der Haas schon gar nicht. Das ist brennerisch geschrieben und kommt dann doch auf einmal so: „Wenn dir jetzt das Französische nicht so geläufig ist, woran denkst du dann, wenn du das Wort Pastiche hörst. An die Ö1-Sendung in der Früh, die Pasticcio heißt? Da wärst du schon auf der richtigen Spur, denn 16.Jahrhundert, da haben sich die Franzosen von den Italienern viel abgeschaut, quasi Leitkultur, und natürlich Pastiche nur französische Form von Pasticcio. Der Wortstamm passt...“

Ja, der Hochsprung und die Astrid. Die ist gleich so hoch gesprungen, dass sie aus dem Haas-Stadion rausfliegen hat müssen, und keiner hat sie gesehen. Der Haas ist derweil mit dem Brenner seinem Moped unter der Literaturanspruchslatte gut gelaunt durch, hat die Anni auf dem Schoß, ja.

Wolf Haas: Das ewige Leben. Roman. Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2003. 222 Seiten, 17,90 €.

Astrid Poier-Bernhard. Viel Spaß mit Haas. Spiel – Regel – Literatur. Sonderzahl. Wien 2003. 86 Seiten, 14,30 €.

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