Kultur : Starrköpfigkeit überwindet den Teufel

PETER SCHEEL

Schon sehr früh ging mein Vater mit mir des öfteren in die Gemäldegalerie nach Dahlem, wo ich das ungewöhnliche Bild von Pieter Bruegel entdeckte.Ein Ei auf Füßen, eine Hauswand mit Auge und Schere, Tiere, die zusammen an einem gedeckten Tisch sitzen, und vieles mehr.Diese skurrilen Szenen machten auf mich einen großen Eindruck, was sich bis heute kaum geändert hat.Ich glaube, das war der erste Versuch meines Vaters, mir Begriffe wie Moral, Toleranz und Sünde anhand eines Bildes zu erklären.

1976 wurde ich dann Mitarbeiter der Gemäldegalerie, so daß sich nun noch häufiger die Gelegenheit bot - und immer noch bietet -, das Bild ein wenig selbstkritisch zu betrachten, manchmal sogar unverglast.Leider muß das Bild vor den "zeigenden Fingern" der Besucher geschützt werden und verliert dadurch an Ausstrahlung.

Schauplatz ist ein Dorf an einem Fluß nahe dem Meer.Auf den ersten Blick tut sich ein verwirrendes Nebeneinander von Personen, Tieren und Gegenständen auf.Jeder scheint mit seiner eigenen Situation beschäftigt zu sein, ohne den anderen zu beachten.Der Titel gibt jedoch die Auflösung: "Die niederländischen Sprichwörter".

Pieter Bruegel d.Ä.hat hier in grandioser Weise einen Reigen menschlicher Schwächen und Unzulänglichkeiten (Betrug, Heuchelei, Lüge, Torheit, Scheinheiligkeit usw.) farbig und kompositionell harmonisch miteinander verbunden.Durch die Überzeichnung der Figuren und Situationen schafft es Bruegel, uns ein Schmunzeln zu entlocken.

Zum Beispiel bindet eine Frau den Teufel auf ein Kissen (boshafte Starrköpfigkeit überwindet selbst den Teufel).Im Hintergrund des Bildes zündet ein Söldner ein Haus an, d.h.ihm ist es gleich, wessen Haus brennt, wenn er sich nur an dem Feuer wärmen kann (er nimmt jede Gelegenheit wahr, um zu seinem Profit zu kommen), oder, ein bis heute gängiges Sprichwort: Er hängt seinen Mantel in den Wind (er paßt seinen Standpunkt den jeweiligen Umständen an).Auch die damals - in der Zeit der Inquisition - so allmächtige Kirche mußte sich den Spiegel Bruegels vorhalten lassen: Ein Mönch bindet Gott einen flächsernen Bart um (Betrug wird oft unter der Maske der Scheinheiligkeit verübt).Und noch ein ganz alltägliches Beispiel: Sie hängt ihrem Mann den blauen Mantel um (sie betrügt ihn).

Rund 118 Sprichwörter und Redewendungen sind auf einer Bildfläche von 117 x 163 cm detailliert, vielleicht mit einem kleinen Augenzwinkern, wiedergegeben.Bei einem Galeriebesuch mit meinem Sohn, dem ich natürlich das Bild zeigte, fragte er mich: "Papa, warum sind eigentlich keine Kinder in dem Dorf?" Diese Frage beschäftigte mich noch sehr lange.Vielleicht wollte der Meister deutlich machen - ein Bild entsteht ja nicht zufällig, sondern ist bis in die letzte Ecke genau geplant -, daß ein Dorf ohne Kinder in einer "verkehrten Welt" keine Zukunft hätte.Dieses Gemälde wurde vor fast 400 Jahren gemalt und hat bis heute nichts an Aktualität verloren.

Der Autor ist Magazinverwalter in der Gemäldegalerie.

Die neue Gemäldegalerie ist heute von 10 bis 20 Uhr bei freiem Eintritt zu besichtigen.Von Dienstag an gelten die üblichen Öffnungszeiten (Di, Mi, Fr 10 - 18 Uhr, Do 10 - 20 Uhr, Sa, So 11 - 18 Uhr) und Eintrittspreise (Tageskarte - am selben Tag für alle Staatlichen Museen gültig - 8 DM, ermäßigt 4 DM).Eingang über die Zentrale Eingangshalle am Kulturforum in Berlin-Tiergarten, Matthäikirchplatz.

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