Kultur : Stars, verzweifelt gesucht

JAN SCHULZ-OJALA

Wer wissen will, wer in Deutschland heutzutage als Star gilt, der muß in die "Bravo" gucken. Unlängst wurden auf der Titelseite Stars gleich zweimal angepriesen - erst im Sechserpack "Stars und ihre Freundinnen" und dann gleich sechsdutzendfach, mit "Star-Clip"-Anhängerchen nebst Bastelanleitung. Im Heft springen dem Leser sodann "Star-Moderatorin" Arabella Kiesbauer und "GZSZ-Star" Tim Sander entgegen, gefolgt von einem Bericht über drei 15jährige Schlager-"Sternchen", die vor allem eines werden wollen: Stars. Gute Zeiten fürs Fernsehen und für die Musik: hier spielt die Musik, sagt "Bravo", wenn du ein Star werden willst. Schlechte Zeiten fürs Kino, jedenfalls fürs deutsche. Im 80-Köpfe-"Starclip" zum Ausschneiden findet sich kein einziger deutscher Filmschauspieler.Nun gibt es ja nicht nur die "Bravo", deren Kundschaft zu einem beträchtlichen Teil über Erfolg und Mißerfolg neuer - auch deutscher - Kinofilme entscheidet. Ein paar Stars hat das deutsche Kino in den letzten Jahren schon hervorgebracht. Leute, die per definitionem nicht unbedingt begnadete Schauspieler sind, aber über jene werbewirksame Aura verfügen, die die Zuschauer auch unabhängig von der Qualität des jeweiligen Films ins Kino treibt. So gesehen, braucht die Branche, die seit längerem eher schwache Produkte präsentiert, Stars mehr denn je. Ja, sie muß um jeden Preis neue Stars schaffen. Sah die mäßig bekannte Nicolette Krebitz soeben auf den Plakaten zu "Short Hello and Long Goodbye" nicht aus wie eine Wiedergängerin von Jane Birkin, auch sie nicht eben eine gute Schauspielerin, aber ein Star? Muß der deutsche Film, der sich erst von der Flachwitz- und Beziehungskomödie abgewandt hat und dann die Finger an Genre-Imitaten verbrannt, nun nicht geradezu panisch auf Gesichter setzen, sein einziges Kapital?Nicht, daß Katja Riemann, Veronica Ferres oder gar Franka Potente verbraucht wären, nicht, daß man Götz George, Til Schweiger und erst recht Moritz Bleibtreu nicht mehr sehen möchte - aber auch sie haben nicht alle vier Wochen einen neuen Film. Also schummelt die Filmindustrie. Sie schiebt durch mancherlei schauspielfremde public relations litfaßsäulenträchtig gewordene Namen in Hauptrollen, die sie auszufüllen nicht wirklich in der Lage sind - und weil sie fürchtet, das Publikum könnte den Etikettenschwindel durchschauen, stellt sie ihnen weniger glamouröse, meist vom Theater kommende Vollblut-Akteure zur Seite. Doch damit wird das Gefälle erst recht offenbar. Kann das gutgehen: Starke Nebenfiguren stützen schwache "Stars" stützen noch schwächere Filme?Bei "Aimée & Jaguar" ging es noch gut.Maria Schrader, keine große Schauspielerin, doch in ihrer expressiven Sprödigkeit durchaus auratisch, brachte zwar einen Namen mit, hätte aber ein Projekt dieses Kalibers allein nicht ziehen können. Da kam die in der Filmwelt kaum bekannte Juliane Köhler gerade recht, eine Zwölfzylinder-Theaterfrau, die auch bei geringen Drehzahlen fühlen läßt, welche Energie in ihr steckt. Beide aber waren durch die Liebes-Story schon dramaturgisch als Einheit gedacht; also fiel die qualitative Divergenz nicht wirklich auf. Rainer Kaufmanns ehrgeiziger Film "The Long Hello and Short Goodbye" dagegen mißglückte unter anderem deshalb, weil er diese Balance nicht halten kann: Mit Sunnyi Melles und Axel Milberg hat er zwei großartige Darsteller in der Hinterhand, die der Wirkung von Nicolette Krebitz und Marc Hosemann den Garaus machen.Allerneuestens nun agieren in "Die Häupter meiner Lieben", immerhin einer Bestseller-Verfilmung, Christiane Paul und Heike Makatsch als Frontfrauen, beides durchaus Kandidatinnen mit dem verzweifelt gesuchten Star-Appeal. Makatsch hatte, bevor sie sich mit "Männerpension", "Obsession" und "Liebe deine Nächste" in eine eher wacklige Filmkarriere stürzte, schon als "Bravo-TV"- und "Viva"-Moderatorin Star-Status. In "Die Häupter meiner Lieben" agiert sie nun, so schreibt die "Bravo" eher kühl, in ihrer "bisher stärksten Rolle".Über den Regie-Erstling des Kameramannes Hans-Günther Bücking ("Todesspiel", "Solo für Klarinette") ist nicht viel mehr zu sagen, als daß er eine durchaus kinotaugliche Vorlage arglos in Grund und Boden inszeniert. Daß sich der trockene, männermordende Zynismus der spätberufenen Ingrid Noll auch auf der Leinwand gut macht, hat Rainer Kaufmann, als er noch auf Nummer Sicher ging, mit Nolls "Die Apothekerin" publikumswirksam bewiesen (und will es demnächst mit ihrem Roman "Kalt ist der Abendhauch" wiederholen). Bücking dagegen liefert nur einen weiteren Beleg für die These, daß Kameraleute meist besser nicht auf den Regiestuhl wechseln. So verliebt sind sie in ihre Bilder - hier eine Toscana zum Süchtigwerden zumindest auf ein Merian-Abo - , daß sie der Geschichte nur noch die allernötigste Aufmerksamkeit schenken.Nolls Maja (Heike Makatsch) ist ein unscheinbares Mauerblümchen - eines, das zudem unisono als "Elefantin" verspottet wird. Daß sie in eine Diebes- und schließliche Töterinnenkarriere hineinrutscht, ist im Buch als Reaktion auf familiäre Vernachlässigung und später als Rache für Vergewaltigungsversuche stimmig motiviert. Auch hängt sich Maja an Coras (Christiane Paul) kriminelle Energie, wobei aber beide im Strudel der jeweils motivierbaren Morde - umgeben von versoffenen, geldgierigen oder auch nur geilen Männern - zwar weniger von Gewissensbissen, wohl aber von gelegentlicher Panik darüber heimgesucht werden, daß ihr Treiben auffliegen könnte.Und bei Bücking? Die hübsche Heike Makatsch darf, da ihr die graue Maus offenbar sowieso niemand abnimmt, ihre Rolle flugs als Sex-Biene Maja ausdeuten und betet im Off unermüdlich ihre Figuren-Biographie herunter. Der ganze Film ist ein Abhaken, bis es schließlich gar zu komisch wird. Die bejammernswerten männlichen Darsteller (von Marquard Bohm bis zu Michael Maertens) haben kaum Zeit, sich zu den drehbuch-notorischen Bösewichtern hinaufzuchargieren - da sind sie auch schon abgemurkst. Vor allem aber: Erst als Andrea Eckert, die vielfach preisgekrönte Wiener Theaterschauspielerin, in der Rolle der italienischen Haushälterin das stümpernde Duo zum Trio erweitert, zieht eine böse Größe in den Film ein. Erst dann ist das Geschehen, das ja fortwährend - für Täterinnen, Opfer und Zuschauer - auch gruselig sein soll, stellenweise wirklich zum Fürchten: geboren aus knappen Sätzen, aus ökonomischen Bewegungen, aus einem Augenbrauenhochziehen der unmerklichen Art. Andrea Eckert, die Dritte im Bunde, tut extra wenig - und spielt Makatsch und Paul, die gerade in einem "Brigitte"-Interview zum Besten gaben, sie würden "vielleicht mit fünfzig" auch mal ans Theater gehen, an die Wand. Da ist es wieder, das Dilemma des deutschen Films und seiner Macher, die vom Seichten, weil es wegbrach, unversehens ins Tiefe geraten sind. Gelernt haben sie es nicht, aber schwimmen müssen sie doch.

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