Start der Sommerserie Berliner Ufer : Brombeeren und Betongold in Rummelsburg

Unsere Sommerserie Berliner Ufer führt ans Wasser: Wir starten mit einem Ausflug in die Rummelsburger Bucht, einen Arm der Spree.

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Der Blick von der Marina am Ende des Uferwegs in der Rummelsburger Bucht Richtung Oberschöneweide. Links erhebt sich das Zementwerk Berlin, in der Ferne die Gebäude des Rundfunkgeländes Nalepastraße.
Der Blick von der Marina am Ende des Uferwegs in der Rummelsburger Bucht Richtung Oberschöneweide. Links erhebt sich das...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Morgens um zehn in Deutschland. Hinter üppigen, mit zögerlich reifenden Früchten bedeckten Brombeerbüschen taucht ein Fuchs auf. Neugierig bleibt er stehen, erwidert den Blick, ist kein bisschen beeindruckt. Nicht vom Menschen. Nicht vom Staub der auf der Kynaststraße dahindonnernden Baustofflaster. Nicht von den Zügen, die auf der nahen Baustelle Ostkreuz quietschend bremsen und ächzend anfahren. Nicht von den Radlern, die an der noch unbebauten Spitze des Rummelsburger Sees mit Karacho um die Kurve zischen. Warum sollte er es auch sein? Seine rot flammende, geschmeidige Spezies behauptet hier schon viel länger ihr Revier als die Menschen, die in den nuller Jahren mal eben eine aufgeräumte neue Wasserstadt auf ein dreckiges altes Industriegelände an der glitzernden Spree gepaust haben.

Das gewesene, gegenwärtige und vielleicht auch zukünftige Gesicht der Stadt, das ist auf den gerade mal vier Kilometern vom Paul-und-Paula-Ufer in Rummelsburg bis zum ehemaligen DDR-Rundfunkgelände an der Nalepastraße in Oberschöneweide exemplarisch zu sehen. Urbane Ufer, zumal in einer so gewässerreichen Stadt wie Berlin, die sind nicht nur harte oder harmonische geografische Einschnitte, Sehnsuchtsorte des Ankommens und Abfahrens, Lebensadern aussichtsverliebter Flaneure, sondern schlicht Arbeitsorte, Lebensmittelpunkte. Zumindest können sie das sein. Getreu der Altberliner Mischung aus Wohnungen und Gewerbe, die rätselhafterweise manchen empfindlichen Städtergemütern unbequem ist.

Hier wurde der Film "Die Legende von Paul und Paula" gedreht

So macht denn auch das Leben in den mal verklinkerten, mal verputzten, meist mit bodentiefen Fenstern ausgestatteten Reihenhausriegeln zwischen Hauptstraße und der Rummelsburger Bucht einen aushäusigen Eindruck. 1973 hat Heiner Carow hier leidenschaftliche Liebe in „Die Legende von Paul und Paula“ verfilmt. Jetzt spielt allein der Juli dramatisches Wolkentheater. In der Wasserstadt sind die Eigentümer bis auf einsame Jogger ausgeflogen. Sie müssen Geld verdienen, die Wohnlage kostet. In der Kita quietscht fröhlich der Nachwuchs herum.

Keiner an Deck auf den Hippie-Hausbooten, die in der Bucht dümpeln. Die Brise zu steif für Lebenskünstler. Auch Hipster-Strandbars und Bootsverleiher haben zu. Doch die Freiluftausstellung „Gedenkort Rummelsburg“ auf dem Gelände des zu NS- wie zu DDR-Zeiten berüchtigten Arbeitshauses und Gefängnisses und der historische Lehrpfad sind immer geöffnet.

Rummelsburg, das war einst nicht nur ein Synonym für Industrie, sondern auch für rabiate Menschenverwahrung, schon im Kaiserreich. Immer wieder fangen Infotafeln den frei auf die weite Wasserfläche hinausschweifenden Blick ein und erzählen vom eingekerkerten Leben. Alte Gemäuer in gelbem oder rotem Klinker mischen sich unter die Neubauten. Die 1854 erbauten städtischen Waisenhäuser, „Knabenhäuser“ genannt, und das 1878 errichtete Straf- und Arresthaus. Ersteres dient heute als Wohnhaus, das zweite als Hotel mit Schaudereffekt. Fünf ehemalige Zellen „mit Pfiff eingerichtet“, verheißt der Werbezettel aus dem Kasten, der am Zaun hängt.

Sommerserie "Berliner Ufer": Die Rummelsburger Bucht
Ein echtes Berliner Ufer mit echter Berliner Geschichte: Die Rummelsburger Bucht.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Kitty Kleist-Heinrich
15.07.2016 13:41Ein echtes Berliner Ufer mit echter Berliner Geschichte: Die Rummelsburger Bucht.

Da will sich auch der Naturschutzbund Deutschland nicht lumpen lassen und informiert auf Tafeln über die glückliche Renaturierung des rauschenden Röhrichtgürtels gegenüber den geschützten Eilanden Liebesinsel und Kratzbruch. „Diese Biotope sind lebensnotwendige Eiablage-, Schlupf- und Schutzstrukturen.“ Schilf, lass nach: Welcher grüne Technokrat hat sich das ausgedacht? Aus den vom Wind aufgewühlten Wellen steigt immer wieder ein brackiger Geruch in die Nase. Bis 1994 haben Chemiefabriken hier fleißig Gifte eingeleitet. Trotz Dekontaminierung lagert am Grund immer noch verseuchter Schlamm. Ab 1867 hat etwa der Chemiker und Komponistensohn Paul Mendelssohn-Bartholdy in Rummelsburg Kunstseide produziert. Später wurde in der erst Agfa, später Aceta genannten Firma die Kunstfaser Perlon erfunden. Das erzählt eine der prima Infotafeln.

Der Uferweg mündet in einen Gewerbekomplex mit einer Marina, dem Restaurant Hafenküche und einer Boulderhalle. Kurios, wie kletterverrückte Hipster hier an bunten Gumminoppen von den Steilwänden baumeln. Draußen unter einer Eiche ist ein schöner Aussichtspunkt. Das faszinierend raue, industrielle, auf anderthalb Kilometer nicht direkt am Ufer begehbare Bucht-Ende kommt in den Blick. Mit dem Kraftwerk Klingenberg, dieser in seiner Kombi aus expressionistischer Backsteindüsternis und rostigem Röhrengedärm schlicht einzigartigen Kathedrale der Energieerzeugung. 1927 als größtes und modernstes Kraftwerk Europas erbaut, hat es auch die hier im Schatten seiner Schlote angelegte, dann im Krieg zerstörte größte Flussbadeanstalt der Stadt geheizt. Dann das bei unzähligen Sonntagsspaziergängen vom Plänterwald auf der anderen Bucht-Seite aus bestaunte, stets rastlos werkelnde Zementwerk Berlin mit den hohen Betonsilos. Und in der Ferne die Gebäudeblöcke des ehemaligen DDR-Rundfunkgeländes Nalepastraße. Alle durch einen kleinen Schwenk auf die Köpenicker Chaussee zu erreichen.

Rastlos werkelt das Zementwerk Berlin mit den hohen Betonsilos - es ist das einzige der Stadt

Das Zementwerk Berlin ist das einzige der Stadt. 1949 im bindemittelbedürftigen Trümmer-Berlin auf Befehl der sowjetischen Besatzungsmacht gegründet. Geschäftsführer ist der promovierte Bergbauingenieur Frank Wild, der den Blütentraum einer Werksbegehung in diesem Fall erfüllt. Aber nur, wenn man Helm, Weste und Schutzbrille anzieht. Die Wasserlage ist ein Standortvorteil: 95 Prozent der Rohstoffe kommen per Schiff. Gerade entlädt ein Kran eine mit Hüttensand gefüllte Schute aus Eisenhüttenstadt. Die granulierte Schlacke ist ein Abfallprodukt der dortigen Hochofenproduktion. Das mit 85 Mitarbeitern rund um die Uhr arbeitende Werk produziert Zement, Trockenmörtel, Transportbeton. Mit belustigt erhobenen Augenbrauen erklärt der Chef den Unterschied. Ja, Transportbeton, das sei wirklich der zur Verarbeitung innerhalb von längstens 90 Minuten bestimmte Flüssigbeton, der in Fahrmischern vom Hof direkt zur Baustelle fährt. 90 000 Kubikmeter sind in den komplett vom Zementwerk beschickten Rohbau des Stadtschlosses gewandert. Zur Zeit liefern sie auf Bestellung von David Chipperfield hellbraun eingefärbten Sichtbeton für das neue Eingangsgebäude des Pergamonmuseums.

„Eine Stadt kann nicht nur von Friseurläden leben."

Richtig aufregend ist es, über der Spree auf dem Dach des 60 Meter hohen Mischsilos zu stehen. Die Aussicht ist fabelhaft und unter den Füßen lässt eine Hightech-Maschinerie aus elf Kammern gemixte Baustoffrezepturen durch dicke Rüssel direkt in leere Laster rieseln. Auch die zehn Meter langen und mit 120 Tonnen Mahlkugeln aus Metall bestückten Zementmühlen sind eindrucksvoll. Ohrstöpsel sind Pflicht in der Halle.

Den Standort so nah am Zentrum der Stadt zu verteidigen, sei nicht einfach, sagt Wild. Die Wohngebiete rückten immer näher an das Werk heran. Wasserlage und Industriekulturcharme von Rummelsburg sei das Thema bei Immobilienentwicklern. Lärmende, staubende Industrie ist in deren Vermarktungsszenarien naturgemäß nicht vorgesehen. Ein Fehler, wenn es nach dem Zementmann geht. „Eine Stadt kann nicht nur von Friseurläden leben.“

Eine Viertelstunde Fußweg vorbei an Gewerbehöfen und dem als Party- und Strandbar-Location bespielten alten Kraftwerk Rummelsburg wird das schon wieder anders aussehen. Da steht der wegen seiner Fotoscheu gelegentlich das „Immobilienphantom“ genannte Uwe Fabich vor dem Eingangsgebäude des Rundfunkgeländes Nalepastraße und zürnt, weil das Ufer zugeparkt ist. „Tausend Mal habe ich dir das gesagt“, ranzt er den Mitarbeiter an, „der Blick aufs Wasser muss frei sein!“ Nun ist den mit Bärten und Sneakern bewehrten Start-up-Unternehmern aus dem Silicon Valley, die zu der hier stattfindenden Tech-Open-Air-Konferenz strömen, prompt die Poesie des Spreeblicks verwehrt.

DDR-Architektur, das Spreeufer, dampfende Streetfoodstände – das ist Kult

Letztes Jahr erst hat der polyglotte, von Kultur- und Musikindustrie begeisterte Ex-Banker das elegante, denkmalgeschützte Ensemble seiner exklusiven Gebäudesammlung hinzugefügt. Für zwölf Millionen Euro. Seither klopft und hämmert es in den herrlichen holzvertäfelten alten Studios, Sendesälen und verwaisten Verwaltungstrakten. Fabich macht Ernst, er saniert, der Denkmalschutz lobt ihn. Der Sturmschritt, in dem der alle Welt herzlich und meist per Du begrüßende Fortysomething über das außen öffentlich zugängliche und innen durch Führungen und Veranstaltungen erschlossene Gelände pflügt, entspricht seiner generellen Umdrehungsgeschwindigkeit. Gerade habe er den Musiker Nils Frahm für eine Kooperation gewonnen, erzählt er stolz. „Gestern hat Barenboim in Sendesaal 1 eine CD eingespielt, oben in Block A nehmen die Beatsteaks gerade ihr neues Album auf.“ Der Gründer der Online-Musikplattform Soundcloud, auch ein Konferenzteilnehmer, findet die Location „sooo nice“. Und nicht nur er.

Die DDR-Architektur der Fünfziger, das Spreeufer, an dem bei Events wie diesem Streetfoodstände dampfen – das ist Kult, das hat Potenzial, das ist die ideale Symbiose des neuen und alten Berlin. Einer wie Fabich, dem auch der Wasserturm am Ostkreuz und der Postbahnhof gehören und der gerade in Rio de Janeiro einige historische Gebäude für das dortige urbane Kreativvolk tauglich macht, ist der Uferanrainer der Zukunft. Dessen Geschäfte machen auf den ersten Blick weder Lärm noch Schmutz. Sie sind der Gegenentwurf zum Zementwerk Berlin. Das Ding sei ja das Einzige, was ihn hier am Ufer störe, sagt Fabich. Als Freund des Schönen wurde er tätig. „Ich war drüben und wollte es kaufen. Einfach, um es wegzuhauen. Weil es hässlich ist und einen Radweg verhindert.“ Ist klar, ein Uferweg würde sein Gelände viel besser ans Ostkreuz, an die Partyströme anbinden. Was die Reaktion auf das Angebot war? „Die wollten nicht. Sicher ist deren Auftragslage gut. Die Stadt wächst.“ Und das Gerangel um Ufer im alten neuen Berlin.

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