Start der Theatersaison : Ein Scherbenbericht

Vor dem Sündenfall: Peter Stein inszeniert am Berliner Ensemble den "Zerbrochnen Krug".

Rüdiger Schaper
Brandauer
Grinsendes Raubein. Klaus Maria Brandauer als Kleists Dorfrichter Adam. -Foto: dpa

Der Sommer ist vorüber, die Saison beginnt – und im Berliner Ensemble liegt Schnee. Auf der blitzsauber weißen Bühne laufen die Schauspieler im Kreis herum, dann machen sie den Hauptdarsteller an einem Seil fest, und Klaus Maria Brandauer wird hochgezogen. Ein grinsender Schurke, ein Ausbund von Unschuld, ein seltsamer Schluss mit Himmelfahrt. So seltsam wie der ganze Abend. Als würde man mit einer starken Gemütlichkeitsdroge eingelullt.

Anfangs sind es Hühner, die auf Kleists Lustspiel einstimmen sollen. Federvieh und Butzenscheibenromantik. Fideles Gefiedel, lustige Personen, provinzielle Enge, fein ausgepinselte und ausgeleuchtete Genrebildchen, wie auf alten holländischen Meistern. Peter Stein und sein Bühnenbildner Ferdinand Wögerbauer machen mit dem „Zerbrochnen Krug“ da weiter, wo sie bei ihrem am Ende doch epochalen „Wallenstein“ auch mal angesetzt haben. Jetzt sehen wir: „Wallensteins Lager“ en miniature, und dabei bleibt’s. Bei knatterndem Naturalismus.

Das Drama um den Dorfrichter Adam, der in eigener Sache ermitteln muss, wird immer als schlagendes Beweisstück dafür bemüht, dass es in der deutschen Klassik sehr wohl große Komödie gibt. Bei der skandalösen Uraufführung vor 200 Jahren hat Goethes Schauspieltruppe die Sache verhunzt, die Weimaraner waren not amused, erst die Nachwelt begriff Kleists tatsächlich etwas umständliche und befrachtete König-Ödipus-Geschichte für die niederen Stände.

Der ewige Pechvogel Kleist: Peter Stein lässt, im Sinne des Erfinders, zwei Stunden ohne Pause durchspielen. Kurzweilig wird es trotzdem nicht. Weil Stein und Brandauer Adams Sündenfall mit aller Gewalt in Richtung Goldoni und Molière rücken. Komik mit Ansage. Wenig commedia, viel arte. Kleists Amtsgerichtsfarce erstickt in historisierender Aufmachung (Kostüme: Anna Maria Heinreich). Es fallen einem dazu auch nur verbrauchte Attribute ein: staubig, gemütlich, betulich, abgehangen.

Hühner also. Sie gackern nicht und lassen keine Federn, und ihre Anwesenheit wirft die Frage auf, ob man Hühner für die Bühne mit Beruhigungsmitteln präparieren kann. Sie haben auch nichts zu lachen und werden gleich wieder eingesammelt von zwei Mägden. Das eben ist das schrecklich Gemütliche: Mägde kichern, der Gerichtsbüttel ist ein dumpfer Grobian, das Volk überhaupt geriert sich derb und laut, während der Gerichtsrat Walter aus der Stadt (Martin Seifert) ein vornehmer oder auch nur vornehm tuender Herr ist und sich vor den Dörflern ekelt. Die kleine Welt in bester Ordnung – und das in vollem Ernst. Stein buchstabiert die Typen ohne jede Überraschung durch. Tina Engel als Marthe Rull mit dem kaputten Krug: eine herzlich-hysterische Frau. Evchen, ihre Tochter: Marina Senckel gibt die brav-muntere Jungfer und darf sich nur gegen Ende ein wenig gegen die kalte Gönnerhaftigkeit des ungelenken Gerichtsrats aufbäumen. Allein die Hauptzeugin, die Frau Brigitte, bringt einmal kurz einen gewissen Komödienirrsinn in die gute Stube: Ilse Ritter schwebt herbei wie eine Fee des Absurden und glänzt mit norddeutschem Dialekt. Eine Episode.

Auch wenn es sich Berliner Ensemble nennt und der Regisseur Peter Stein heißt: Diese Veranstaltung hat den Charakter eines Tourneetheaters. Ein Star zieht seine Register, um ihn herum werkeln Chargen. Und der Star ist die unangefochtene Obercharge. Brandauer gefällt sich in Adams Niedertracht und Spukhässlichkeit. Ein verschlagener, aber auch dummer Schwerenöter. Großmaul und Lustmensch. So einer ist sympathisch im Grunde, mit dem kann man trinken und Witze reißen und Theatergeschichten erzählen. Er fläzt sich in seinen Richterthron wie ein armer Herrscher, der sein eigener Hofnarr ist. Ein Entertainertyp, mit Anklängen an den Misanthropen, den Tartuffe oder auch an eine Thomas-Bernhard-Figur. Warum nur gibt Stein ihm keinen Gegner? Warum ist der Gerichtsrat so furchtbar blass?

Das Problem des „Zerbrochnen Krugs“, das Kleist so viel Reputation gekostet hat: Er kommt verdammt spät mit der Sprache heraus. Es geht letztlich gar nicht um ein läppisches Tongefäß und auch nicht um einen geilen alten Dorfrichter und seine nächtlichen Klettertouren. Es geht um Politik. Um Wehrpflicht und staatliche Willkür. Adam nämlich erpresst Eve damit, dass ihr Verlobter zum Militärdienst nach Batavia in die Kolonien geschickt werden soll; ein Himmelfahrtskommando. Und da kann man Peter Stein nun wirklich nicht mehr folgen: Ist der Gerichtsrat, der hohe Vetreter der Staatsmacht, nun ein Lügner, wenn er beteuert, Eves Verlobter drohe kein Auslandseinsatz? Oder kann man der Obrigkeit glauben. Stein entscheidet sich nicht. Man kann nur raten. Brandauers Apotheose im Neuschnee: Sind die Bauern am Ende doch besser mit diesem willkürlich Recht sprechenden Suffkopf bedient als mit diesem Gerichtsrat und seinem allzu wohlgesetzten patriotischen Gerede?

Jens Bisky deutet in seiner Kleist-Biografie die Möglichkeit an, dass der „Zerbrochne Krug“ seinerzeit aus politischen Gründen durchgefallen sei. Dass die Höflinge in Weimar empört waren über die Wehrpflichtspointe in einem Lustspiel. Peter Stein lässt schließlich alle in der Ungewissheit hängen – Brandauer, das Publikum und auch den Preußen Heinrich von Kleist, der in jedem seiner Dramen die Frage nach Staatsräson und Gehorsam und verbotener Lust aufgeworfen hat.

Erstaunlich, enttäuschend, bitter: Nach dem „Wallenstein“ mit seinen brillanten weltpolitischen Diskursen verscherbelt Stein diese Kleist-Inszenierung. Politik und Klamotte: Dario Fo konnte das. Aber das ist auch lang her – und heute ebenso altmodisch.

Wieder heute und am 16., 28. und 30. September.

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