Start des Verdi-Jahres : Boulevard der Grausamkeiten

2013 jährt sich sowohl der Geburtstag von Giuseppe Verdi zum 200. Mal wie auch der von Richard Wagner. Ausgerechnet in Wagners Geburtsstadt Leipzig gibt das Opernhaus nun den Startschuss zu den Verdi-Feierlichkeiten. Anthony Bramall dirigiert bei „Nabucco“ das Gewandhausorchester, Regisseur Dietrich Hilsdorf schafft für die Geschichte um den Machtkampf des babylonischen Königs Nabucco mit dem Volk der Hebräer eine Theater-auf-dem-Theater-Situation

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Napoleonesker Giftzwerg. Markus Marquardt in der Titelrolle des Nabucco
Napoleonesker Giftzwerg. Markus Marquardt in der Titelrolle des NabuccoFoto: Oper Leipzig/Kirsten Nijof

„Wir stehen früher auf!“ So lautet eigentlich der Werbeslogan des Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Diesmal aber waren die Nachbarn schneller: Am Dreikönigstag feiert in Leipzig die erste Verdi-Neuinszenierung im Jubeljahr 2013 Premiere: Vor 200 Jahren wurde der italienische Komponist geboren, ebenso wie sein deutscher Konkurrent und Kollege Richard Wagner. Mit zwei Büsten, einer marmornen am Eingang zum Parkett sowie einer aus Bronze im Rangfoyer, ist der deutsche Musikdramatiker im Leipziger Opernhaus gleich doppelt präsent – schließlich wurde er hier geboren. Bevor das Haus in dieser Saison mit Produktionen seines Erstlings „Die Feen“ (ab 16. Februar) sowie des „Rheingold“ (ab 4. Mai) Wagners gedenkt, wird jetzt aber erst einmal Verdis 1842 uraufgeführter „Nabucco“ gegeben, inszeniert von Dietrich Hilsdorf, mit Anthony Bramall am Pult des Gewandhausorchesters.

Mit dem „Nabucco“ ist es ja wie mit der Neunten: Beide Stücke hat ein kurzer Chor berühmt gemacht, „Freude, schöner Götterfunken“ wird heute für alle festlichen Anlässe der Europäischen Union genutzt, „Va, pensiero, sull’ali dorate“, also „Flieg, Gedanke“, gilt den Italienern als inoffizielle Nationalhymne. Beide Melodien machen Verdis Oper wie Beethovens Orchesterwerk zu Kassenmagneten – wobei viele Kartenkäufer gar nicht wissen, was sie da außer dem Drei-Minuten-Hit erwartet. Eine lange Stunde maximal verdichtete sinfonische Satzbaukunst im Fall des Wiener Klassikers, vier ziemlich lärmige Akte frühester Verdi im Fall des melodramma.

Einen Achtungserfolg und eine durchgefallene Komödie – über mehr Opernerfahrung verfügt der 28-jährige Komponist nicht, als er sich an die Vertonung des „Nabucco“ macht. Er hat das Libretto auswendig gelernt, sich in die Seelen seiner Figuren eingefühlt. Er weiß, was er machen will – nämlich lebendiges, unmittelbar berührendes Musiktheater jenseits konventioneller Belcanto- Schemata. Doch noch vermag er vieles nicht so in Töne zu fassen, wie er es empfindet.

Anthony Bramall versucht in Leipzig gar nicht erst, diesen frühen, rohen Stil schönzufärben: In den Massenszenen lässt er die Becken knallen und die große Trommel dröhnen, das Blech schmettern, die Piccoloflöte schrill pfeifen. Ein großes Tschingderassa tönt aus dem Graben, effekthascherische Italianità, lebensprall, grell – und mitreißend. Wenn aber die Protagonisten Innenschau halten, dann entwickelt unter den Händen des neuen stellvertretenden Leipziger Generalmusikdirektors die schlichteste Arienbegleitung Wärme und Tiefe, können sich die Melodien ganz frei entfalten, werden die Pizzicato-Töne der Celli zu Herzschlägen.

Die Sänger haben keine Mühe, sich zu behaupten, lassen sich vielmehr von Bramalls Emphase durch das dramatische Auf und Ab des Abends tragen. Und der von Alessandro Zuppardo vorbereitete Chor singt fantastisch, im „Va, pensiero“-Lamento ebenso wie in den wild bewegten Momenten.

Nabucco, der König der Babylonier, hat mit seinem Heer die Stadt Jerusalem unterjocht – allein seine beiden Kinder machen es ihm schwer, die neue Macht als diktatorischer Usurpator nun auch auszukosten. Fenena, Nabuccos leibliche Tochter, liebt einen Juden, konvertiert um seinetwillen und will die Hebräer freilassen, Abigaille, die unehelich Geborene, begehrt denselben jungen Mann, und wird zur Kriegstreiberin, weil sie ihn nicht bekommen kann. Als sich Nabucco in den Status eines Gottes erhebt und Jehova ihn umgehend irre werden lässt, kerkert Abigaille den Vater ein. Und da ist erst der dritte Akt erreicht.

Der um 1840 auch in Italien hochgeschätzte deutsche Komponist Otto Nicolai, dem der Intendant der Mailänder Scala das „Nabucco“-Libretto zuerst angeboten hatte, lehnte das Textbuch mit den Worten ab, so ein ewiges Wüten, Blutvergießen, Schimpfen, Schlagen und Morden sei kein Sujet für ihn. Und auch Dietrich Hilsdorf, einer der besten deutschen Regisseure, ein Meister des realistischen Musiktheaters, der in seiner langen Bühnenkarriere schon 17 Opern von Verdi inszeniert hat, muss vor diesem dramaturgischen Bastard in Leipzig letztlich die Waffen strecken.

Er flüchtet sich in eine dieser Theater- auf-dem-Theater-Situationen, die zunächst immer verlockend wirken: Dieter Richters Bühnenbild zeigt eine nackte Backsteinmauer, durch den Vorhang erahnt man einen Rokokosaal mit Zuschauertribüne. Umwallt von reichlich Bühnennebel versammelt sich das Volk vor dem aus einfachen Brettern gezimmerten Spielpodest. Sind wir auf dem legendären „Boulevard du Crime“, im Pariser Theaterviertel? Wird hier ein Drama über die Julirevolution von 1830 geprobt?

Nicht nur die lumpigen Kostüme von Renate Schmitzer erinnern an „Les Misérables“ – auch das über weite Strecken dekorative Personenarrangement lässt an den Musical-Dauerbrenner denken.

Einen Impresario, einen Spielleiter, aber gibt es in dieser Kulissenwelt nicht. Dafür treten „echte“ Priester und Soldaten auf, die Konflikte werden naturalistisch ausgespielt, und zwar jene zwischen den Religionen wie auch die ganz privaten. Das Ende verwirrt dann vollends: Im Gegensatz zu Verdi erlöst Hilsdorf Nabucco nicht aus seinem Wahnsinn. Er darf folglich das versklavte Volk der Hebräer auch nicht in die Freiheit und gen Heimat entlassen – dafür putscht sich zu den Schlusstakten der zuvor blass gebliebene Baal-Priester an die Macht.

Amarilli Nizza ist eine schöne, kühle Abigaille, der man durchaus zutraut, echte Gefühle empfunden zu haben, bevor sie zur Koloraturen sprühenden Furie wird, Jean Broekhuizen macht mit starkem, klaren Sopran die Fenena zur Gegenspielerin auf Augenhöhe. Als Objekt ihrer Gefühle gibt der glutvoll singende Gaston Rivera szenisch den jungen Naiven, während Arutjun Kotchinian, um die Jahrtausendwende geschätztes Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin, dem Hohepriester Zaccaria seinen geschmeidigen, charakterstarken Bass leiht.

Enttäuschend allein die Besetzung der Titelrolle: Als napoleonesker Giftzwerg schleicht sich Nabucco durch den Vorhang des falschen Bühnentheaters in die Handlung ein – um dann zu verschwinden: Weil Markus Marquardt zwar über eine große Stimme gebietet, darstellerisch aber nicht die geringste Präsenz hat.

Weitere Aufführungen am 11. und 27. Januar sowie am 17. Februar

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