Stasi und Kunst : Zentrale der Angst

Wie man Gespenster der Geschichte austreibt: Thomas Kilpper ritzt Bilder in den Fußboden des Stasi-Ministeriums.

Christian Schröder

Der Weg in die Geschichte führt durch zerbröselnde Gegenwart. „24 Stunden Wachdienst“, warnt ein Schild, das am mit Eisengittern verrammelten Eingang hängt. Direkt daneben beweisen Graffiti, dass die Qualität der Observierung hier in den letzten zwanzig Jahren stark nachgelassen haben muss. An der Überdachung schält sich die Farbe bereits in Fetzen ab, die Fassade darüber ist mit einer Folie verkleidet, damit herabfallende Teile niemanden verletzen. Berlin-Lichtenberg, Normannenstraße. Schon die Adresse löst noch immer ein Gefühl des Grusels aus. Hier residierte das Ministerium für Staatssicherheit, das mit zuletzt 80 000 hauptamtlichen Mitarbeitern die Bevölkerung der DDR unter Kontrolle zu halten versuchte. Heute ist die einstige Zentrale der Angst, eine Stadt in der Stadt aus ineinandergeschachtelten Plattenbauten, bloß noch eine größtenteils leerstehende Altimmobilie.

Schräg gegenüber vom Haupteingang ist eine museale Gedenkstätte mit dem Büro von Minister Erich Mielke untergebracht. Doch das fünfgeschossige Verwaltungsgebäude an der Straße, ein bunkerartiger Waschbetonklotz mit verspiegelten Fensterschlitzen, wurde nach einer Zwischennutzung als „Lichtenberger Congress Center“ zu Beginn der neunziger Jahre für die Öffentlichkeit gesperrt. Drinnen fehlt das Mobiliar, funzeliges Neonlicht erhellt endlose Gänge, die an leeren Zimmern vorbeiführen. An einer Wand erinnert die handschriftliche Parole „Nie wieder SED-Mafia!“ an den Januar 1990, als Bürgerrechtler den Komplex stürmten, um die Vernichtung der Stasi-Akten zu verhindern.

„Ich war sofort begeistert von den Räumlichkeiten. Hier fand ich genau das, was ich gesucht hatte“, sagt Thomas Kilpper. Dabei hat der 52-jährige Künstler, der in seiner Drahtigkeit deutlich jünger wirkt, mit DDR-Nostalgie nichts zu tun. Aber er hat sich in seinen Arbeiten immer wieder mit der Geschichte ungenutzter, oftmals dem Abriss anheimgegebener Gebäude auseinandergesetzt. So spektakulär wie in der ehemaligen MfS-Zentrale tat er das jedoch noch nie.

„State of Control“ heißt die Installation, für die Kilpper den gesamten Fußboden der rund 800 Quadratmeter großen Stasi-Kantine in einen Druckstock verwandelte. Drei Monate lang hat der Künstler, unterstützt von vier Assistenten, insgesamt 92 Bildmotive in den Linolboden geschnitten, die von der deutsch-deutschen Vergangenheit erzählen und an den Zusammenhang von Überwachung und Repression erinnern. Drucke dieser großformatigen Linolschnitte hängen zwei Stockwerke weiter oben im ehemaligen Festsaal und, zusammengenäht zu einer Fahne, an der Außenfassade. Parallel zu der vom Hauptstadtkulturfonds geförderten Aktion zeigt der Neue Berliner Kunstverein in Mitte eine kleine Retrospektive mit älteren Arbeiten Kilppers.

„State of Control“, das ist ein surrealer Bilderbogen, eine Geisterbahnfahrt durch die Geschichte, ein Totentanz. Begrüßt wird der Besucher von den Bonzen Ulbricht, Honecker und Mielke, die bei einem SED-Empfang einander mit Sektgläsern zuprosten. Etwas weiter – Vorlage war ein berühmtes Pressefoto – beugt sich Stasispion Guillaume zu dem von ihm verratenen Willy Brandt herunter, als wolle er ihm den Judaskuss geben. Von fern schauen die beiden Datensammler Markus Wolf und Horst Herold zu, Stasi-Spionagechef der eine, der andere ehemaliger BKA-Leiter und RAF-Bekämpfer.

Ulrich Mühe stülpt sich in einer Szene aus dem Stasi-Film „Das Leben der Anderen“ den Kopfhörer des Abhör-Offiziers über. Daneben mustern Militärs die Leiche des von Geheimdiensten zur Strecke gebrachten Revolutionärs Che Guevara. Benno Ohnesorg und sein Todesschütze Kurras, die zuletzt die Stasi wieder in die Schlagzeilen brachten, fehlen. Dafür kommen Rosa Luxemburg, Hitler-Attentäter Georg Elser, die Terroristen Ulrike Meinhof und Holger Meins, sogar Silvio Berlusconi sowie Wolfgang Schäuble und sein vom Chaos Computer Club ins Internet gestellter Fingerabdruck vor.

Zusammengehalten wird der wüste Bildfries, der in seiner archaischen Machart an die klassenkämpferischen Holzschnitte von Franz Masereel erinnert, von einem übergeordneten Thema: dem Wunsch ganz unterschiedlicher Regierungen nach einer lückenlosen Erfassung ihrer Bevölkerung und den Versuchen von Widerstand dagegen. Kilpper hat das kollektive und sein privates Bildgedächtnis geplündert, er reiht die Motive kommentarlos aneinander und spitzt – das ist buchstäblich die Arbeit des Bildschnitzers – zu.

Den RAF-Hochsicherheitstrakt von Stammheim zeigt er genauso wie das DDR-Gefängnis Hohenschönhausen, wo politische Häftlinge in Einzelhaft saßen. Aber Kilpper setzt nicht gleich, er sieht seine Arbeit als „eine Aufforderung zu differenzieren“. Drei Jahre lang hat er bei der Deutschen Bahn, dem jetzigen Besitzer, um die Erlaubnis zur befristeten künstlerischen Übernahme des Gebäudes gekämpft. Zwei Mal bekam er eine schriftliche Absage. Den Ausschlag gab schließlich, dass ein möglicher Investor in der Kunstaktion eine willkommene Werbung sah.

Kilpper, der in Stuttgart geboren wurde, in Nürnberg, Düsseldorf und Frankfurt studierte und heute in Berlin lebt, sieht sich als „politischen Menschen, aber nicht als dezidiert politischen Künstler“. Den Durchbruch schaffte er im Jahr 2000 mit dem Projekt „The Ring“, für das er in einem Londoner Abrisshaus aus dem 18. Jahrhundert Szenen und Porträts in den Boden ritzte. Der komplette Druckstock, ein 400 Quadratmeter großer Parkettboden, wurde von der Tate Modern angekauft. Kilpper reflektiert die Wirklichkeit, manchmal versucht er auch, in sie einzugreifen. Auf der italienischen Insel Lampedusa will er aus den Trümmern verunglückter Schiffe einen Leuchtturm errichten, der afrikanischen Flüchtlingen einen sicheren Weg weisen soll. In der Retrospektive wird ein Modell gezeigt – und auch Müllsäcke mit den Linolspänen aus Lichtenberg. Denn dazu wird am Ende jede Form von Geschichte: Abfall.

MfS, Normannenstr. 19 (Lichtenberg), Eröffnung heute um 19 Uhr, bis 26. Juli, Do–So 11–19 Uhr. – n.b.k., Chausseestr. 128 (Mitte), Di–So 12–18, Do bis 20 Uhr.

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