Kultur : Statements in Stein

Meister des Neuen Bauens: Dessau würdigt den Architekten Otto Haesler

Michael Zajonz

Stadt oder Land, die Frage gehört im 20. Jahrhundert zu denjenigen, die Intellektuelle entzweit. Hinter ihr verbirgt sich auch eine Aussage darüber, welche Öffentlichkeit man erreichen will. Thomas Mann kultiviert die ländliche Idylle selbst in München und polemisiert gegen „Caféhaus-Literaten“. Der Architekt Hermann Muthesius predigt dem Berliner Großbürgertum die Freuden des Vorortlebens als moralisch überlegene Alternative zum Großstadtgetriebe.

Ein Jongleur zwischen den Lebenswelten – allerdings mit entgegengesetzter Wurfrichtung – war auch der Architekt Otto Haesler. Er brachte das Kunststück fertig, aus der Provinz Signale zu senden, die selbst in New York verstanden werden konnten. Haesler, 1880 in München geboren, gehörte derselben Generation an wie seine heute wesentlich bekannteren Kollegen Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Bruno Taut. In den Zwanzigerjahren stieg er zu einem der führenden Architekten des „Neuen Bauens“ auf. Und das in Celle.

Dennoch war es die Stiftung Bauhaus Dessau, die das Angebot der Kunsthistorikerin Simone Oelker aufgegriffen hat, Haeslers Werk erstmals umfassend in einer Ausstellung zu würdigen. Die Stadt Celle erklärte sich erst nachträglich interessiert, so dass die Präsentation von Dessau demnächst an ihren eigentlichen Bezugsort wandern wird.

Celle wird bis heute durch die Bauten Haeslers mitgeprägt, selbst wenn etliches in den Nachkriegsjahrzehnten abgerissen worden ist. Gestört ist das Verhältnis der Bürger zu ihrem modernen Erbe bis heute. Die 1931 fertig gestellte Siedlung Blumläger Feld, die Haeslers durchrationalisiertes und typisiertes Bauen in Reinform zeigte, wurde vor einigen Jahren teils abgerissen, teils aufgestockt und entstellt. Erst vor wenigen Wochen lehnte die Stadt das Angebot der Wüstenrot Stiftung ab, Haeslers Altstädter Schule denkmalgerecht zu sanieren.

In der Ausstellung konzentriert sich Simone Oelker ganz auf die Genese des Werks. Die Anfänge des durch einen Wettbewerbserfolg nach Celle Geratenen sind konventionell. Erst mit der für die Celler Volkshilfegesellschaft 1923- 25 errichteten Siedlung Italienischer Garten positionieren sich Haesler und sein Mitarbeiter Karl Völker (auf den das Konzept farbiger Innenräume und Außenwände zurückgeht) als Gestalter der Moderne. Freilich waren die bis zu 143 Quadratmeter großen Wohnungen für Arbeiter damals unbezahlbar. Sein soziales Gewissen entwickelte Haesler erst im Zusammenspiel mit dem 1924 zum Celler Bürgermeister gewählten Liberalen Ernst Meyer. Was dieses Traumpaar bis 1933 gemeinsam gegen heftigen Wiederstand durchsetzte, machte Celle zu einem Pilgerort des „Neuen Bauens“ und Haesler zum Heiligen, dem man die Leitung des Dessauer Bauhauses genauso zutraute wie die Nachfolge Ernst Mays als Stadtbaurat in Frankfurt am Main. Doch Haesler zögerte stets – und blieb. 1932 durfte er drei Projekte, darunter das mit seinen filigranen Balkonen die Fifties vorwegnehmende Marie-von-Boschan-Aschrott-Altersheim in Kassel, auf der Epochenausstellung „The International Style“ im New Yorker MoMA zeigen. Kurz danach entzogen die Nazis dem „Freimaurer“ dann alle Arbeitsmöglichkeiten.

Im Herbst 1934 zog Haesler mit seiner Familie nach Eutin, wo er Erdbeeren und Hühner züchtete und noch ein paar Einfamilienhäuser gebaut hat. 1946 holte ihn ein sozialdemokratischer Stadtrat ins märkische Rathenow, dort sollte er den Wiederaufbau in konsequenter Zeilenbauweise planen. Nach 1950 mit einem Forschungsprojekt der Deutschen Bauakademie in Ost-Berlin ruhiggestellt, hielt Haesler bis an sein Lebensende an den normierten Wohnformen einer vermeintlich besseren Zukunft fest.

Dessau, Meisterhaus Schlemmer, bis 9. Oktober. Celle, 30. Oktober bis 8. Januar. Statt eines Katalogs: Simone Oelker, Otto Haesler. Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik, Dölling und Galitz Verlag 2002, 39,80 Euro.

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