Kultur : Statistikgott

Nate Silver weiß, wie Wahlen ausgehen: Jetzt liefert er die „Berechnung der Zukunft“.

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Das Flimmern der Balken und Kurven hat etwas Hypnotisches. Je näher die Bundestagswahl rückt, desto gebannter starren Strategen, Journalisten und Wähler auf die Prognosen. In diese Anspannung hinein ist ein Buch auf Deutsch erschienen, dessen Titel die ultimative Anleitung zur Vorhersage der Zukunft verspricht und dessen Autor kein Geringerer ist als Nate Silver. Silver, der in den Vereinigten Staaten unter dem Titel „Statistikgott“ firmiert, hat sich während der amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2008 und 2012 einen Ruf als nationales Orakel erarbeitet. Auf seinem Blog „FiveThirtyEight.com“ sagte er die Ergebnisse beider Wahlen mit erstaunlicher Genauigkeit voraus. 2012 traten seine Prognosen in allen 50 Staaten ein. Ab 2010 lief sein Blog auf den Seiten der „New York Times“, im Juli hat Silver verkündet, er werde in Zukunft für den Fernsehsender ESPN arbeiten. Sein Buch ist in den USA im Herbst 2012 unter dem Titel „The Signal and the Noise“ erschienen“ (in etwa: Das Bedeutsame und das Hintergrundrauschen) und wurde ein Bestseller. Nun bringt der Heyne-Verlag Silver unter dem Titel „Die Berechnung der Zukunft“ auf den deutschen Markt.

Schillernde Statistiker fehlen in Deutschland bisher. Nate Silver war nach dem College kurz Berater bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, machte den ersten größeren Batzen Geld aber als Pokerspieler und mit Baseballvorhersagen. Wer sich allerdings von Silvers Buch eine Anleitung erhofft, wie er seinen Heimcomputer in eine gläserne Kugel verwandelt, wird enttäuscht. Silver verrät keine Details, wie er zu derart genauen Prognosen kam. Das Buch handelt, ganz im Gegenteil, vor allem von der generellen Unsicherheit von Vorhersagen.

Im ersten Teil befasst sich Silver mit den Fehlern der anderen, besonders die Vorhersagen der Ökonomen kommen schlecht weg. Wie der amerikanische Psychologe Philip Tetlock unterscheidet er zwischen dem „Fuchs“- und dem „Igel“- Prognosetyp. Fuchs-Typen sind unideologisch, selbstkritisch und lernen aus ihren Fehlern. Igel hingegen glauben an eine große Idee, die die Welt lenkt. Füchse, argumentiert Silver, geben bessere Prognosen ab, weil sie das „Feedback“, das sie von der Realität erhalten, einpreisen. Igel hingegen ignorieren „unpassende“ Fakten.

Silver befasst sich dann mit der Behauptung, mithilfe immer größerer Datenmengen und immer besserer Computer würde in den kommenden Jahren eine Art Annäherung an die „Weltformel“ möglich. Er nennt zwei Gründe, warum das Gegenteil wahrscheinlicher ist: Zum einen zeigt die Erfahrung, dass eine Kombination von computergenerierten Vorhersagen und menschlicher Bewertung besser funktioniert. Das gilt zum Beispiel für die Vorhersagen des amerikanischen Wetterdienstes. Erfahrene Meteorologen korrigieren „per Hand“ die Ergebnisse der Rechner – und verbessern so etwa die Regenvorhersage um 25 Prozent.

Der andere Grund, warum der Autor nicht an das Big-Data-Versprechen glaubt, sind Scheinzusammenhänge: Je größer die Menge der Informationen, die zur Verfügung stehen, schreibt Silver, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Ereignisse häufig gemeinsam auftauchen, ohne dass tatsächlich ein kausaler Zusammenhang besteht. So gab es etwa lange Zeit eine rein mathematische Korrelation zwischen dem Gewinner im Finale der amerikanischen Football-Profiliga und der Entwicklung an den Börsen. Gerade in Zeiten wachsender Datenmengen, meint Silver, wird es in Wahrheit immer schwieriger, bedeutsame Signale vom Hintergrundrauschen zu unterscheiden. Damit wachse wiederum die Gefahr, dass Igel-Prognostiker Zusammenhänge konstruieren, die keine sind.

Diese Feststellung führt Silver im zweiten Teil zu einem Plädoyer für ein stärkere Hinwendung zu einer Spielart der Statistik, die Unsicherheiten besser Rechnung trägt: der Bayes’schen Statistik. Anders als die prognostische Statistik, die vorhandene empirische Befunde in die Zukunft projiziert, zieht man mithilfe des Bayes-Theorems Schlüsse aus feststehenden oder vermuteten Ausgangswahrscheinlichkeiten. Das ermöglicht es, unterschiedlich wahrscheinliche Erklärungen für ein einzelnes beobachtetes Ereignis zu finden. Silver greift ein häufig zitiertes Beispiel auf: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Ergebnis einer Mammografie falsch ist, die bei einer jungen Frau scheinbar Brustkrebs diagnostiziert, wenn tatsächlich nur eine von 70 Frauen in ihrer Altersgruppe daran erkrankt? Die probabilistische Methode nach Bayes basiert außerdem darauf, die zugrunde liegenden Annahmen und Modelle anhand der Ergebnisse stetig zu verbessern. So ergibt sich eine Art „Erkenntnisspirale“. Dafür müsse man nicht einmal annehmen, dass die Welt im Kern unsicher ist, schreibt Silver. Aber es ermöglicht, die Grenzen des menschlichen Nichtwissens adäquat zu berücksichtigen.

Silvers Buch blieb in den Vereinigten Staaten nicht unumstritten. Er überbewerte den Nutzen der Bayes-Theorems, schrieben einige Statistiker, es sei auch keineswegs so neu und kontrovers, wie er es erscheinen lasse. Silver wurde außerdem dafür kritisiert, seine eigenen Methoden geheim zu halten, während er anderer Leute Methodik angreift. Gerade für Laien aber ist das Buch lesenswert, da es einen sehr verständlichen Einblick in die Welt der Statistik gibt. Das kann angesichts der zunehmenden Bedeutung von Wahrscheinlichkeiten für den Alltag und die Politik gar nicht überbewertet werden. Da verzeiht man dem Verlag sogar die holprige Übersetzung – und dem Autor die endlosen Baseballstatistiken. Anna Sauerbrey











– Nate Silver:

Die Berechnung

der Zukunft. Heyne Verlag, München 2013. 656 Seiten, 22,99 Euro.

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