Kultur : Staub für alle

Leipzigs Kunstfestival „Heimat Moderne“

Michael Zajonz

„Der Sozialismus siegt“ verheißen weiße Leuchtbuchstaben dem Vorbeifahrenden. Die Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst hat sich weder in der Zeitrechnung geirrt noch den politischen Rollback geplant, sondern zeigt unter dem Titel „Homezone“ neue Werke von Via Lewandowsky. Dem 1963 in Dresden geborenen und in Leipzig ausgebildeten Künstler wird man kaum Ostalgie vorwerfen können. Lewandowsky, der noch kurz vor der Wende nach West-Berlin ausgereist ist, gehört zu den erst nach 1989 richtig erfolgreichen Künstlern mit Ost-Biografie: 1992 nahm er an Jan Hoets documenta IX teil.

In mehreren direkt für den neuen Ausstellungspavillon der Galerie erdachten Objekten untersucht Lewandowsky die Utopiebereitschaft des 20. Jahrhunderts, parodiert den (östlichen) Kitsch staatlicher Symbole und das, was sich davon als Bodensatz der Erinnerung abgesetzt hat. Gedankliche Gegensatzpaare, mit denen er arbeitet, sind Heimat und Utopie, individuelles Beharren und kollektiver Wandel, private Sehnsucht nach Langsamkeit und rasanter öffentlicher Stillstand. „Homezone“ meint den Staub, der sich in unseren vier Wänden ausbreitet, während draußen vielleicht das Leben tobt.

Neben der Leuchtschrift, die sich an den Schriftzug auf einem Dresdner Hochhaus anlehnt, arrangiert Lewandowsky einen in Scheiben aufgeschnittenen Behördenschreibtisch oder einen obszön verknoteten Baseball-Schläger aus Silikon. Tritt man einem weißen „Malewitsch-Quadrat“ zu nahe, quäkt Ernst Buschs Interpretation des zur Antifa-Hymne erklärten KZ-Liedes „Wir sind die Moorsoldaten“ aus einem versteckten Lautsprecher. Ideologische Berieselung als Folge fehlender Distanz.

Parallel dazu präsentiert man unter dem Titel „Die fotografierte Stadt“ acht im Osten geborene oder dort lebende Fotografen, die sich teilweise seit Jahrzehnten mit dem Aufbau, den Hoffnungen und dem Scheitern moderner Stadtkonzepte in Ost-Berlin, Leipzig oder Halle beschäftigen. Neben Klassikern der DDR-Fotografie wie Helga Paris oder Sibylle Bergemann hängen Wiebke Loepers C-Prints „Mitte, Berlin 03/04“. Die Auswahl tritt dem Vorurteil entgegen, ostdeutsche Fotografie hätte nur Sozialdokumentarisches zu bieten.

Beide Ausstellungen bilden den Auftakt der von der Bundeskulturstiftung geförderten Veranstaltungsreihe „Heimat Moderne – Experimentale 1“. Zu den Initiatoren gehören neben der Galerie für Zeitgenössische Kunst das Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig, ein Stadtplanungsbüro und zwei lokale Künstlernetzwerke. Gemeinsam möchte man bis Anfang September in Ausstellungen, Konzerten, Stadtführungen, Diskussionen und Protestaktionen am Beispiel Leipzigs über den künstlerischen und städtebaulichen Umgang mit dem Erbe der Moderne streiten. Wenn möglich, ohne Nostalgie.

Gesamtprogramm der Veranstaltungsreihe unter www.heimatmoderne.de

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