Kultur : Staubwedel

Abgründig: „Shandurai“ von Bernardo Bertolucci

Daniela Sannwald

Sie ist eine afrikanische Schönheit: kulleräugig, glatt jung. Er ein englischer Schöngeist: staksig, versponnen und mittelalt. Er bewohnt die oberen Stockwerke einer Stadtvilla im Zentrum Roms; sie das Zimmer zu ebener Erde. Ihn hat es als Künstler auf der Suche nach Inspiration in die italienische Hauptstadt verschlagen, sie als politische Asylantin. Er ist Mister Kinsky, sie Shandurai. Er spielt Klavier, sie putzt. Aber da man sich schließlich im Europa des 20. Jahrhunderts befindet – „Shandurai" wurde 1998 gedreht –, kann sich der Hausherr nicht so einfach an seiner kleinen Angestellten vergehen, obwohl er einige Anstalten dazu macht. Die erwehrt sich der Zudringlichkeiten nach Art einer Märchenprinzessin: mit einer unlösbaren Aufgabe, deren hypothetische Lösung ein Dilemma nach sich zöge.

„Wenn du mich wirklich liebst, dann hol mir meinen Mann aus dem Gefängnis“ – so spricht die Reinigungskraft, die im Nebenberuf Medizin studiert. Früher, in dem ungenannten afrikanischen Unrechtsstaat, aus dem sie fliehen musste, war ihr Mann, ein Lehrer, von brutalen Milizionären weggeschafft worden. Und nun hat Master, ach nein, Mister Kinsky ein Problem und keine Geliebte. Shandurai aber hat sich erst einmal Luft verschafft. Die braucht sie, um sich auf Prüfungen vorzubereiten, um bei der Ausländerbehörde ihre Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern und um ordentlich zu putzen. Besonders die Arbeit mit einem Federn-Staubwedel hat es ihr angetan – immer wieder streicht sie damit über die Marmorstatuetten und Bilderrahmen, die sich dekorativ um den Konzertflügel ihres Arbeitgebers gruppieren. Die Kunst hat es ihr eben doch angetan ...

Die Kamera visualisiert das Verhältnis der beiden in Auf- und Untersichten, Piano und Reggae sorgen für akustische Überdeutlichkeit, und das Ende kommt dann auch noch ganz besonders dicke. Nur gut, dass Bertolucci, der mit knapp 65 eindeutig zu jung ist für Altersschwachsinn, zur alten Form zurückgefunden hat, wie sein „Dreamers“ von 2003 beweist.

In Berlin im Balazs, Eiszeit, Filmkunst 66 und Nickelodeon

0 Kommentare

Neuester Kommentar