Kultur : Stefan Heym: Hier hatte er seinen Platz

Robert Ide

An manchen Tagen wird deutlich, dass die unvollendete innere Einheit in Deutschland gar nicht so viel mit Ost und West zu tun hat, sondern eher mit Ost und Ost. Am Sonntag ist Stefan Heym im Alter von 88 Jahren gestorben - einer der bedeutendsten ostdeutschen Schriftsteller ist tot. Heym hat einst gegen die Nazis gekämpft, dann den DDR-Sozialismus kritisiert und schließlich den real existierenden Kapitalismus angegriffen. Der Tod des Dissidenten hat bei Politikern und Schriftstellerkollegen Bestürzung ausgelöst. Die Rückblicke von Zeitzeugen fallen dennoch ganz unterschiedlich aus. In Ostdeutschland ist man sich nicht ganz einig über Stefan Heym.

Gregor Gysi sagte, er trauere um einen Freund und einen tollen Menschen. Petra Pau sagte: "Ich bin sehr traurig über den schweren Verlust." Und als einen "der Großen dieses Jahrhunderts" bezeichneten ihn die PDS-Vorsitzende Gabi Zimmer und Fraktionschef Roland Claus. Im Frühsommer 1994 hatte sich Stefan Heym überraschend in den Bundestagswahlkampf eingeschaltet. Auf der Liste der PDS gewann er ein Direktmandat und wurde Alterspräsident des Parlaments. Bei seiner ersten Rede verweigerte ihm die große Mehrheit der Unionsfraktion demonstrativ den Beifall.

"Ich habe in dieser Zeit mehrmals mit ihm gesprochen, er hatte leider eine falsche Vorstellung von der Politik", erinnert sich der letzte DDR-Ministerpräsident und PDS-Ehrenvorsitzende Hans Modrow. Nach einem kurzen parlamentarischen Intermezzo legte Heym im September 1995 sein Bundestagsmandat wieder nieder - Anlass war eine Diätenerhöhung. An jenem Abend fuhr Heym zu Modrow. "Er wollte mir seinen Platz im Bundestag übergeben. Da musste ich ihm leider sagen, dass das nicht geht, sondern dass der Listenzweite in seinem Wahlkreis automatisch nachnominiert wird." Heym sei enttäuscht gewesen, berichtet Modrow. Es war nicht die einzige Enttäuschung nach dem Umbruch.

In der DDR sind sich der SED-Funktionär Modrow und der kritische Autor Heym nie begegnet. Ob sich Heym in der DDR wohl gefühlt hat? Modrow sagt: "Wohl gefühlt ist nicht der richtige Ausdruck, aber er hatte hier seinen Platz."

Im Lager der einstigen DDR-Opposition wird Heyms Leben anders betrachtet als in den Reihen der PDS. "Für mich ist er immer ein zwiespältiger Mensch geblieben", sagt Bärbel Bohley, Mitbegründerin der Oppositionsbewegung "Neues Forum". Natürlich habe Heym immer wieder Kritisches über den SED-Staat gesagt. Aber: "Er hätte mehr sagen können, er hatte die Möglichkeit." Heym sei eine schillernde Figur geblieben, beklagt Bohley. Den Kontakt zum offiziell verdammten Robert Havemann habe Heym frühzeitig abgebrochen, um seine Lese-Reisen in den Westen nicht zu gefährden. Bohley sagt: "Stefan Heym war nie richtig eindeutig."

Eindeutigkeit - ein wichtiges Kriterium für einen politischen Menschen. Aber auch für einen guten Romancier? Der Schriftsteller Erich Loest hat den Tod seines Kollegen mit Bestürzung aufgenommen. "Ich habe ihn noch vor wenigen Wochen in Berlin getroffen, als wir mit einigen Schriftstellern bei Bundeskanzler Gerhard Schröder eingeladen waren", erinnert sich der Leipziger Autor. Obwohl Heym bereits zu diesem Zeitpunkt körperlich gezeichnet gewesen sei, habe er nichts von seiner Angriffslust verloren. "Er war klein und krumm, aber geistig präsent und vorlaut wie immer", sagt Loest. Kennen gelernt hatten sich beide Schriftsteller in Berlin - am 17. Juni 1953, dem Tag des Volksaufstandes in der DDR. Später hat Heym ein Buch über das Ereignis geschrieben, "Fünf Tage im Juni". Kein eindeutiges Buch. Aber ein wunderbar erzählter Roman.

Heyms Bücher hatten Binnenwirkung, auch wenn sie am Ende nur noch in der Bundesrepublik veröffentlicht wurden. Die SED hatte Angst vor dem unbequemen Literaten. Deshalb belegte sie ihn "wegen Devisenvergehens" mit einer Strafe von 10 000 Mark. Deshalb schloss ihn der DDR-Schriftstellerverband aus seinen Reihen aus. Hermann Kant war damals Präsident des Verbandes. Am Todestag brachte er seine "äußerste Hochachtung vor dem Schriftsteller Stefan Heym" zum Ausdruck. Politisch seien sie nicht immer einer Meinung gewesen. Er sei auch immer noch ratlos, wie sich der Ausschluss aus dem Schriftstellerverband unter den damaligen politischen Umständen und Verhältnissen in der DDR hätte verhindern lassen, meint heute Hermann Kant. "Jeder ist seinen Weg gegangen."

Nun ist Stefan Heym tot. Sein Traum von einem gerechten Sozialismus auf deutschem Boden hat sich nicht erfüllt. Trotz seines Kampfes gegen die Nazis. Trotz seiner kritischen Solidarität mit der Deutschen Demokratischen Republik. Am Ende hat Heym die DDR als eine "Fußnote in der Geschichte" bezeichnet.

In Ostdeutschland ist man sich nicht einig über Stefan Heym. Er selbst hätte das wohl als Lob empfunden.

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