Kultur : Steh auf, Mann!

PANORAMA Neil Jordans „Breakfast on Pluto“

Kerstin Decker

Vielleicht gibt es doch ein Sehnsuchtsbild des Vollkommenen. Es wäre das Androgyne, Platons Apfelhälften wieder vereint, das Weiblich-Männliche, das Männlich-Weibliche. Erst recht, wenn man bedenkt, dass beide, für sich genommen, oft unerträglich sind. Aber dieses Wiederfinden des Getrennten gibt es doch längst, mag mancher denken: Das Ideal ist die Tunte!

Bisher waren mir die Tunten immer zu tuntig. Sympathisch, meist, aber weibischer als jedes Weib. Eine Karrikatur. Jetzt, nach Neil Jordans wunderbarem Film, ist das anders. Und dabei ist dieser Patrick „Kitten“ Braden eine Tunte von Kopf bis Fuß. Keine Spur dezent, eine einzige Übertreibung. Schade, dass ein Panorama-Film nicht den Darstellerpreis bekommen kann. Cillian Murphy hätte ihn verdient. Oder den Darstellerinnenpreis?

Irgendwann hat man das Gefühl, in „Breakfast on Pluto“ (basierend auf einem Buch von Patrick McCabe) eine Art Christtussi auf ihrem Schmerzensweg zu begleiten. Die wichtigste Charakteristik eines jeden Heilands ist, dass ihn keiner erkennt. Schon gar nicht die, die es gewöhnt sind, im Namen von Heilanden zu reden. Von so einem stammt der kleine nordirische Junge Patrick wohl ab. Irgendwann sieht Kitten ganz deutlich vor seinem geistigen Auge, wie der Pfarrer seine Haushälterin geschwängert hat. Der Pfarrer ist Liam Neeson und macht das sehr gut. Dass einer wie Neeson die Nebenrolle nicht scheut, lässt etwas ahnen von der Qualität des Films. Und Stephen Rea spielt auch noch mit.

Am schönsten ist der Moment, als Kitten in eine Gruppe Hardrocker gerät, die ungefähr wie Gary Glitter und seine Knochensplitterband spielen. Kitten gelingt es, aus dem aggressiv-fetten Sänger der Band einen weichen, verliebten Softie zu machen. Aber es gibt noch viel mehr, die wütend sind auf Kitten, etwa die Untergründler der IRA, die plötzlich einem neuen Feind gegenüberstehen – einer radikalpazifistischen Transe. Das ist überhaupt Kittens Problem. Meinungen kann sich eigentlich nur leisten, wer sich wehren kann. Kitten kann es nicht. Und steht doch jedesmal wieder auf. Kein bisschen schweigsamer.

Heute 21.30 Uhr (Zoo Palast), 12. 2., 10.30 Uhr (Cinemaxx 7), 19. 2., 17 Uhr (International)

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