Kultur : Stehparty mit Walküre

Jörg Königsdorf

Man kann Lothar Zagrosek nicht vorwerfen, dass er die Berliner in Illusionen wiegt: Schon das Orchesterfest, mit dem er am Freitag die neue Saison im Konzerthaus eröffnet, ist eine deutliche Programmansage. Statt die kumulierten Feieranlässe – akustische Renovierung des Saals, die Umbenennung seines Berliner Sinfonie-Orchesters in Konzerthausorchester und seinen eigenen Amtsantritt als Chefdirigent – mit handelsüblicher Jubelklassik zu feiern, fordert der 63-Jährige konstruktives Mithören ein. Zwischen Webers Freischütz -Ouvertüre und die dritte Szene des ersten „Walküren“-Aktes hat Zagrosek die Uraufführung von Thomas Kesslers Konzert für Rapper und Orchester said the shotgun to the head platziert – ein Hörschock, der das Publikum gleich ordentlich wachrütteln soll. Gefahr, dass jemand bei diesem Eröffnungsabend einnicken könnte, besteht allerdings ohnehin nicht: Angeregt durch das Beispiel der Londoner Proms hat Zagrosek für diesen Abend die Stuhlreihen aus dem Parkett entfernen lassen – und erhofft sich von dieser Stehparty mit Wagner eine neue, auch das Publikum erfassende Dynamik des Konzertereignisses.

Ohnehin stehen die Chancen recht gut, dass Zagrosek und sein Orchester zu Impulsgebern der Klassikszene avancieren und die Rolle übernehmen, die bislang Kent Nagano beim Deutschen Symphonie-Orchester spielte. Dessen Nachfolger Ingo Metzmacher ist zwar auch ein kreativer Kopf, kommt aber erst nächstes Jahr – Zeit genug für Zagrosek, sich zu positionieren. Das funktioniert, siehe Nagano, natürlich nur, wenn die Qualität stimmt. Doch erstens hat das Orchester unter Zagroseks Vorgänger Eliahu Inbal beachtlich an Spielkultur zugelegt. Und zweitens zeigten die beiden Konzerte, mit denen sich Zagrosek in der vergangenen Spielzeit in Berlin präsentierte, eben nicht nur einen Vordenker, sondern auch einen Universalmusiker. Einen Musiker, der seinen rhetorisch angeschärften Mozart auf Augenhöhe mit den Spezialensembles spielen kann, der aber auch ein Gespür für die abgründige Jugendstilopulenz Gustav Mahlers und seiner Zeitgenossen besitzt. Was könnte da noch schiefgehen?

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