Kultur : Steigend fallend

MARKUS KRAUSE

Ketterer geht in die zweite Runde.Im letzten Herbst hatte das Münchner Auktionshaus mit Berliner Dependance pünktlich zum "art forum" seine erste Versteigerung mit Werken der Gegenwartskunst im Philip Johnson Haus am Checkpoint Charlie durchgeführt.Der Gedanke, vom Auftrieb der zeitgenössischen Kunst durch die parallel stattfindende Kunstmesse zu profitieren, erfüllte sich für die mit großem Werbeaufwand begleitete Veranstaltung nur zum Teil.Das Publikum zeigte sich wählerisch: Während die Glanzstücke meist sehr gut verkauft wurden, wanderte das mittelmäßige Gros des Angebots in den Orkus.Dem Qualitätsbewußtsein der Kundschaft galt es beim nächsten Mal stärker Rechnung zu tragen.

Nun ist es soweit.Wieder ist die zeitliche Übereinstimmung mit der Messe gesucht worden: Rund 580 Arbeiten aus der Zeit nach 1945, verteilt auf zwei Kataloge, kommen am 1.Oktober unter den Hammer.Veranstaltungsort ist diesmal das Haus der Dresdner Bank am Pariser Platz.Fast bestürzt stellt der Beobachter fest, wie stark das Niveau im Vergleich zum letzten Jahr gesunken ist.Wirklich erstklassige Werke fehlen nahezu vollständig.Eine der wenigen Ausnahmen ist die große Stahlplastik "Space Sculpture" von Norbert Kricke aus dem Jahr 1960, ein exemplarisches Werk der deutschen informellen Plastik (Taxe bis 120 000 DM).Emil Schumacher überzeugt mit einem frühen Ölbild von 1957 (bis 80 000 DM), Fritz Winter mit dem Spätwerk "Steigend fallend" aus dem Jahr 1965 (70 000 DM).Auch Adolf Fleischmanns rote Abstraktion "Opus 301" von 1962 (um 50 000 DM) kann sich sehen lassen, während Gerhard Richter, der letztes Jahr für Furore sorgte, ein wenig begeisterndes "Abstraktes Bild" von 1977 beisteuert (bis 80 000 DM).

Leichte Irritation entsteht, wenn die Katalogbearbeiter bei einer 20 000 DM teuren, undatierten - späten! - Arbeit von Karel Appel auf eine ungefähre zeitliche Bestimmung verzichten, wenn sie zur - hohen? - Auflage einer Bronze des Wiener Phantasten Ernst Fuchs schweigen ("Sphinx", um 1980, bis 25 000 DM) - immerhin handelt es sich um Objekte, die einer Aufnahme in den Katalog mit 82 ausgewählten Werken für würdig befunden wurden.Hier findet sich auch ein Schachspiel von Paul Wunderlich, das in einer Auflage von 1500 Exemplaren in Bronze gegossen wurde (um 10 000 DM).Selbst die Hochglanzproduktion des Kataloges und die Nachbarschaft mit ernstzunehmenden Kunstwerken können nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich hier um das reinste Kunstgewerbe handelt.Eine Geschäftspolitik, die auf solche Weise die Ebenen verwischt, schadet der Kunst - und nicht zuletzt auch sich selbst.

Ketterer Kunst, Auktion am 1.Oktober in der Dresdner Bank, Pariser Platz 6, Vorbesichtigung 27.bis 30.September, Sonntag und Dienstag 10-18 Uhr, Montag und Mittwoch 10-16 Uhr; zwei Kat.zus.50 DM.

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