Kultur : Stein des Weisen

Charlie Mariano wird 80

Michael Naura

Wer den Amerikaner Charlie Mariano zum ersten Mal sieht, könnte ihn für einen Priester halten, den Gott schon einmal geprüft hat. Weiße Haare, tiefe Augen, ein Anflug von Lächeln. So sehen Wissende aus. Aber Mariano ist Saxofonist auf dem staubigen Acker des Jazz. Sopran und Alt bläst der Mann aus Boston. Sein Spiel adelt jede noch so blödsinnige Melodie. Allein sein Ton ist singulär. Altersgereift und zu Herzen gehend. Balsam!

Eine Aura von Güte umgibt den Mann. Ihm würde ich eine größere Summe leihen, ihn auch bei mir übernachten lassen. Kaum zu glauben, aber in all den Jahren seines Wirkens hat er so gut wie keine langweilige Note von sich gegeben. Der sanfte Magier Mariano ist ein Beispiel für die Kongruenz von Charakter und Werk eines Künstlers. Aber er ist auch ein Beispiel für den steinigen Weg der Erkenntnis. Er führte ihn durch die Orchester von Stan Kenton, Dizzy Gillespie, Shelly Manne, Charles Mingus und vieler anderer. Einst schrieb ich über Mariano: „Wie kaum ein zweiter Musiker im Bereich der aktuellen improvisierten Musik transzendiert er die Grenze zwischen den Klängen der Kulturkreise. Er ist ein schöpferischer, vom Stoizismus geprägter Geist, der durch seine kulturellen Wechselbäder geprägt ist.“

Ich weiß noch, wie seltsam ich berührt war, als Charlie mir zum ersten Mal begegnete. Er lachte, und das sah komisch aus. Wie ein lachender Pfarrer auf einer Begräbnisfeier. Das passte nicht zu seiner von zarter Trauer panierten Musik. Inzwischen habe ich gelernt: Melancholie ist die Kehrseite der Heiterkeit. Sie gehören zusammen. Und Charlie ist für diese Gesetzmäßigkeit ein lächelnd- tränenseliges Beispiel – zu hören auf der CD „Birthday Presents/für Charlie M.“ (Mood). Auf fünf Titeln klopft und lärmt das United Jazz & Rock Ensemble. Aber kostbar und magisch sind zwei Takes, die Mariano an der Seite des Pianisten Wolfgang Dauner und des Bandoneonisten Dino Saluzzi gestaltet: Himbeeren, die in Erbsensuppe schwimmen.

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