Kultur : Stein und Sein

Glanzvoll: Die Ausstellung „Gold und Juwelen der Moghulzeit“ zeigt indische Schmuck-Kunst im Berliner Martin-Gropius-Bau

Michael Zajonz

Neid und Bewunderung hielten sich die Waage, als Sir Thomas Roe, der erste englische Botschafter in Indien, 1616 über Kaiser Jahangir urteilte: „Was Edelsteine betrifft, für die er sich ungemein begeistert, besitzt er das bedeutendste Schatzhaus der Welt.“ Weiter heißt es in seinem Bericht an den künftigen englischen König Charles I.: „Der Kaiser kauft einfach alles, und er häuft edle Steine an, so als wollte er sie eher als Bausteine benutzen, statt sie am Leibe zu tragen.“

Was den gewiss nicht zimperlichen Diplomaten zu dieser Luxuskritik bewogen haben mag, lässt sich jetzt im Berliner Martin-Gropius-Bau erahnen: in einer buchstäblich glanzvollen Ausstellung, die das Museum für Islamische Kunst und die Berliner Festspiele hierher vermitteln konnten. Die weltweit größte und bedeutendste Sammlung historischer indischer Goldschmiedekunst hat nach Präsentationen im British Museum, dem New Yorker Metropolitan Museum und weiteren amerikanischen und europäischen Topadressen in Berlin ihre letzte Station erreicht. Vom zentimeterkleinen Anhänger in Gestalt eines rubinbesetzten Vogels bis zum mit Bergkristall ummantelten Treibstock für Elefanten: Annähernd 300 Werke bieten Bestmarken einer Metall- und Steinbearbeitungskunst, wie sie an den Höfen indisch-islamischer Moghulkaiser zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert in Blüte stand.

Die Schatzkunstkammer auf Zeit, die in den abgedunkelten Sälen des Gropius-Baus hinter Panzerglas funkelt, wird allerdings nicht durch den indischen Staat geliefert, sondern aus einer kuwaitischen Privatsammlung bestückt: Scheich Nasser Sabah al-Ahmad al-Sabah, Mitglied einer der reichsten und mächtigsten Unternehmerfamilien der Golfregion, hat seit den siebziger Jahren gemeinsam mit seiner Frau, der Scheicha Hussah Sabah, eine Auswahl edler Geschmeide zusammengetragen, von der Kurator Manuel Keene bündig erklärt, man müsse sie kennen, wenn man die Kunst der Moghulzeit begreifen wolle.

1983 brachte das Sammlerpaar seine Schätze in einem eigenen Gebäude innerhalb des Kuwait National Museum unter, wo sie bis zur irakischen Invasion 1990 zu besichtigen waren. Damals verschwanden allein aus der Al-Sabah-Sammlung 60 Stücke, von denen bisher nur ein kleiner, hinreißend eleganter Dolch 1996 auf einer Londoner Auktion wieder aufgetaucht ist. Und Neuerwerbungen werden immer schwieriger, seit auch im benachbarten Emirat Katar ein privat finanziertes Museum für islamische und antike Kunst aufgebaut wird.

Das von den Irakern zerstörte Kuwaiter Museum soll 2008 wieder eröffnet werden. Ein „Museum ohne Wände“ nennt Scheicha Hussah Sabah dieses von ihr geleitete Haus. Den traurigen Status quo nutzten das Sammlerpaar und ihr Kurator vor allem, um sie seit 2001 auf Welttournee zu schicken. Ein Bildungsangebot von betörender Schönheit: Ähnlich Hochkarätiges wie etwa die Kollektion von Edelsteinen mit kaiserlichen Inschriften – auch wenn ihr Materialwert heute eher gering bewertet wird – findet sich nur noch im iranischen Juwelenstaatsschatz und in der Sammlung des britischen Königshauses.

In Indien selbst, dem Ursprungsland der Preziosen, blieb von diesem Teil des nationalen Erbes vergleichsweise wenig übrig. Den Staatsschatz plünderten 1729 iranische Eroberer. Auf den märchenhaften Reichtum des Subkontinents, wie Thomas Roe ihn erlebt hatte, folgten Jahrhunderte politischen Niedergangs und kolonialer Ausplünderung: zunächst durch die 1600 gegründete Ostindische Kompanie, seit Mitte des 18. Jahrhunderts dann unter britischer Kolonialverwaltung. Mit ihr wurde auch die höfische Kultur der formal immerhin noch bis 1857 regierenden Moghuln ad absurdum geführt.

In ihrer Frühzeit dagegen verdankte sich die kulturelle Verfeinerung der Moghul-Höfe einem erstaunlich liberalen gesellschaftlichen Klima – nachzulesen in Annemarie Schimmels vor fünf Jahren erschienenem Standardwerk „Im Reich der Großmoguln“. Die muslimischen Nachkommen Timurs und Dschingis Khans herrschten über Untertanen, die mehrheitlich Hindus waren. Bis weit ins 17. Jahrhundert übten sie ihnen gegenüber Toleranz. Die Moghulkaiser sammelten Kunst aus christlichen Ländern, warben gezielt Künstler aus Europa an, die über den portugiesischen Stützpunkt Goa nach Delhi kamen. Unter ihnen Goldschmiede, die neue Techniken wie das Email und die aktuellen Dekorvorstellungen der Renaissance mitbrachten. Die Ausstellung zeigt etliche Schmuckstücke, Waffen und Geschirrteile, die indische, persische und westliche Einflüsse vermählen: in einem Überschwang von Formen, Farben, Stilen, der jede vordergründig nationale Lesart von Kunst-Geschichte glücklich entgrenzt.

Martin-Gropius-Bau, bis 11. April, tägl. außer dienstags geöffnet von 10 bis 20 Uhr. Katalog 29,95 Euro.

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