Kultur : Stein vom Herzen

Männer in der Krise: iranische Filme im FORUM und PANORAMA

Christiane Peitz

Vier Männer wälzen einen Stein beiseite. Aber nein, es gelingt ihnen nicht. Die Männer, es sind wohlhabende Städter, ein Arzt ist darunter und ein Unternehmer, kommen von einer Ski-Tour aus den Bergen vor den Toren Teherans. Den Felsstein, eine ausgesprochen phallische Skulptur, entdecken sie bei einer Pinkelpause am Straßenrand. Er steht direkt am Abgrund: wäre doch lustig, ihn in die Tiefe zu schubsen. Also ran alle Mann, aber das Monstrum bewegt sich nicht. Ein Esel mit Seil, noch mehr Muskelkraft, Schaufeln, Rammböcke – alles vergeblich. Weitere Autos parken in der Straßenkurve, man trifft alte Bekannte, schöne Frauen, ganze Familien. Alte Konflikte und verschüttete Gefühle treten zutage – der Stein bewegt sich nicht. Immer instabiler wird seine Lage, kaum zu fassen, dass er sich überhaupt weiter hält.

„Men at Work“ lautet der selbstironische Titel des iranischen Forums-Beitrags von Mani Haghighi: eine groteske Parabel auf eine Gesellschaft, die sich überlebt hat und um die eigene Absurdität nur zu gut weiß. Bilder, wie man sie aus dem Iran nicht kennt. Zwar zitiert die Gebirgskulisse mit den verschneiten Gipfeln und wunderschön rotbraunen Hügeln die majestätischen Landschaften eines Abbas Kiarostami; Haghighis Story basiert sogar auf einer Idee des berühmten Kollegen. Aber das Milieu, die saturierte Teheraner Mittelschicht samt Ski-Wochenende und Verwandtschaft in den USA, taucht im iranischen Kino sonst nicht auf. Die Digitalbilder sind gestochen scharf, vor allem die Tonart ist anders. Sie ist getragen von schrill-verzweifelter Komik; das stille Pathos der Regie-Altmeister aus dem Iran ist ihr fremd.

Iran. Bei Erwähnung des Landes denkt man an Präsident Ahmanidedschad und seine Drohgebärden Richtung Israel, an Nuklearwaffen, den Karikaturenstreit, radikale Fundamentalisten, verschleierte Frauen. Und man denkt an die Bilderwelten von Kiarostami oder Mohsen Makhmalbaf, an jene uns Westler so betörende Mischung aus Neorealismus und Poesie. Aber allmählich beschleicht einen doch der Verdacht, dass sich der iranische Alltag in der Millionenmetropole Teheran zwischen Religion und Satellitenfernsehen in Wahrheit vielleicht weniger poetisch ausnimmt. Bisher fehlte etwas bei der Binnenperspektive und Selbstwahrnehmung dieses Landes, dem unsereins gerne pauschal mit Misstrauen und Befremden begegnet.

In letzter Zeit erzählten die auf internationalen Festivals präsentierten iranischen Filmgeschichten meistens von Frauen und ihrer Zerrissenheit zwischen moderner Konsumwelt und den Zwängen der Tradition. Im Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Offside“ von Jafar Panahi („Der Kreis“) geht es denn auch um ein Mädchen, das sich als Junge verkleidet, damit es sich im Teheraner Azadi-Stadion ein Fußballspiel anschauen kann.

Aber die sechs Filme, die die Berlinale aus dem islamischen Land präsentiert, richten ihr Augenmerk vor allem auf die Männer; selbst Mehdi Jafaris 12-Minutenfilm im Kurzfilm-Wettbewerb erzählt von zwei Kranführern. Es sind Männer in der Krise. Midlife-Depressive, Melancholiker, kleine Angestellte, Arbeitssuchende wie in Rafi Pitts Wettbewerbsbeitrag „Zemestan“. Typen, die an sich selbst zweifeln, die nicht mehr weiter wissen und ein Unbehagen an der eigenen patriarchalen Gesellschaft entwickeln. Eine Männerwelt, die unmerklich erodiert. Die meisten díeser Filme sind unabhängige Produktionen, entstanden abseits der staatlichen Filmindustrie. Sie scheuen sich nicht, am Wegrand ihres Haupterzählstrangs Tabu-Themen aufzulesen: Prostitution, Obdachlosigkeit, Kleinkriminalität, Drogenprobleme, Behördenwillkür, Geheimdienst-Übergriffe.

In Maziar Miris „Gradually“ (Panorama) wird der Held, ein kleiner Schienenarbeiter, von seiner 22-jährigen Frau verlassen. Nicht dass sie ihn betrügt, sie ist psychisch krank und sucht Heilung auf eigene Faust. Die Nachbarn und die Verwandten verteufeln sie, wollen, dass der Ehemann sie für tot erklärt. Aber der tut nicht, was er soll, sondern sucht sie beharrlich. Seine Ehe ist seine Privatangelegenheit, darauf beharrt er, still und stur. Nebenbei zeigt „Gradually“ ein karges Dasein, die Maloche bei der Eisenbahn, schmutzige Behausungen, düstere Läden und Werkstätten.

Der Held in Nasser Refaies „Another Morning“ (Forum), ein kleiner Verwaltungsbeamter, sagt den gesamten Film über kein einziges Wort. Seine Frau ist gestorben, er lernt kochen und waschen, kauft sich einen Wecker, geht jeden Morgen ins Büro und doch nicht zur Geschäftsordnung über. In langen, ruhigen Einstellungen beobachtet die Kamera, wie er reglos in den Spiegel schaut, schweigend dem Kantinen-Geplauder der Kollegen beiwohnt und sich seiner Umgebung entfremdet. Alltagswege, Behördenflure, unscheinbare Verrichtungen: ein blinder, wie versteinerter Passagier der eigenen Existenz. Das Straßengespräch über Freiheit und Demokratie, in seinen Ohren klingt es schal.

Wer die Filme aus Iran sieht, bekommt eine Ahnung davon, was abseits der Mullahs und politischen Führer in diesen Tagen im Großstadt-Moloch Teheran auch noch geschieht. Nicht, dass die Bilder offen politisch agitieren. Aber im Kern all der Ratlosigkeit, der existenziellen Verstörung schlummert ein individuelles, aufrührerisches Potential. Das Unbehagen all dieser Männer braucht sich nur zu fermentieren. Die Filme bezeugen, wie da etwas zu Ende geht: die Stille vor dem Sturm, die Lähmung vor dem Aufbruch.

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