Kultur : Steine, weich wie Holz

ELFI KREIS

Eine stolze Phalanx: Vespasian, seine Söhne Titus und Domitian sowie ein unbekannter Imperator.Die vier Statuetten sind vom Helm bis zu den Schnürstiefeln aus Edelsteinen geschnitten.Die Toga und Prunkrüstung aus verschiedenfarbigem Achat, Chalcedon und Jaspis lassen sie geradezu bunt erscheinen.Wie bei besonders leuchtenden Edelsteinen früher üblich, hielt bereits ihr Käufer August der Starke ihre Herkunft für orientalisch.Als die barocken Meisterwerke aus dem Depot des Dresdener Grünen Gewölbes bei ihrer Restaurierung vor zwei Jahren genauer untersucht wurden, kam die große Überraschung: Die verwendeten Steine stammen aus der Gegend um Idar-Oberstein.In enger Zusammenarbeit mit der dortigen Stiftung Deutsches Edelsteinmuseum wurden die Bestände daraufhin erstmals auch unter mineralogischen Gesichtspunkten erforscht.Die Ergebnisse brachten eine weitverbreitete Verwendung von Edelsteinen nicht nur aus der Gegend um die Nahe, sondern auch aus den reichen Vorkommen in Sachsen und Thüringen ans Licht.

Die nun im Berliner Kunstgewerbemuseum gezeigte Ausstellung "Deutsche Steinschneidekunst aus dem Grünen Gewölbe Dresden" rückt eine reiche Ausbeute solcher Preziosen aus den Magazinen ins Rampenlicht.Sie lassen sie zugleich als Zeugnisse für die kunsthandwerkliche Qualität in Deutschland gefertigter Edelsteingefäße sehen.Die meisten der Kleinkunstwerke werden erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.Sie sind ein Spiegelbild kurfürstlicher Sammelleidenschaft vom 16.bis ins 18.Jahrhundert, von der Renaissance bis zum Barock.Nach ihrer ersten Station in Idar-Oberstein ist die Schau nun in Berlin zu Gast.Anschließend wird sie im Georgenbau des Dresdner Schlosses gezeigt.

Bereits die kleinen Figuren römischer Kaiser des Frankfurter Steinschneiders Johann Bernhard Schwarzenburger zeigen nicht nur virtuose handwerkliche Schnittechnik.Indirekt bieten sie eine mineralogische Sammlung in Miniatur, eine "Lithothek" oder ein Edelsteinkabinett.Auch die kursächsischen Vorkommen waren reichhaltig.In Könitz bei Saalfeld und Crottendorf fand sich Alabaster, aus Zöblitz im Erzgebirge stammen Jaspis und Serpentin.Serpentin ist "bergfrisch" weich genug, um wie Holz gedrechselt zu werden.Bei Glashütte wurde Amethyst gefördert, Marmor kam aus Annaberg in Thüringen.Die Erzeuger entwickelten zunehmend Ehrgeiz, die Ressourcen vor der eigenen Haustür auszubeuten und aus den eigenen Bodenschätzen Schmuckstücke zu fertigen.Johann Friedrich Böttcher, bekannt als Erfinder europäischen Porzellans und Begründer der Meißner Manufaktur, betrieb im königlichen Auftrag nahe Dresden eine Schleif- und Poliermühle am Flüßchen Weißeritz im Plauener Grund.

Seit der Wiederentdeckung der Steinschneidekunst in der Renaissance wurden die Werkstätten in Italien und Prag führend.Im Schneiden und Schleifen von Bergkristall war Mailand das Zentrum.Doch machte Freiburg im Breisgau der Stadt durchaus erfolgreich Konkurrenz.Auch wenn ihre kunstvollen Trinkgefäße oder Schmuckteile für Altarleuchter die Qualität der "Maestri Milanesi" nicht erreichten, die Nachfrage nach ihren Zierschliffen Mailänder Art war rege.Mochten ihre mit Rankenwerk und Blumen, Fruchttrauben und Insekten versehenen und in winzigen Vogel- und Drachenköpfchen auslaufenden Schalen oder Salzfäßchen manchmal auch etwas schief, dicker und ungelenker geraten sein.Bis ins 18.Jahrhundert war der Name "mailändisches Gut" auch für heimischen Produkte gebräuchlich.

Ein Meister seines Fach war in Dresden Johann Christoph Hübner, der um 1725 als bester Steinschneider galt.Ihm wird ein besonderes Prunkstück der Schau zugeschrieben: eine Frauenbüste ganz aus violettem Amethyst.Der Dresdner Hofbildhauer Paul Heermann entwarf die Venus im antikisierenden Stil mit einem faltenreichen Gewand aus vergoldetem Messing.Um einen Kern aus Tuffstein wurde Brust- und Schulterpartie mit paßgenau auf die Wölbungen der Körperform zugeschnittenen Amethyststücken belegt.Bis auf einen Teil der linken Gesichtshälfte besteht der Kopf aus einem einzigen, massiven Edelstein von außergewöhnlicher Größe.Bei den siebzig gezeigten Werke aus Dresdner Depots - in Berlin durch hauseigene Magazinbestände ergänzt - handelt es sich also ganz und gar nicht um zweite Garnitur.

Kunstgewerbemuseum, Matthäikirchplatz, bis 5.April; Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr, Sonnabend, Sonntag 11-18 Uhr.Katalog 39 DM.

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