Kultur : Steinigung

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„Frauen, Kinder und Verrückte können nicht Papst werden“, sagt Päpstin Joan. Selbst hat sie fast vergessen, dass sie eine Frau ist, bis sie ein Kind gebar und gesteinigt wurde. Und das Kind? Das hat wohl auch nicht überlebt. Die Welt ist nämlich so beschaffen, dass Frauen nur auf Kosten von Kindern oder anderen Frauen etwas werden können. Das wissen alle im ersten Akt von „Top Girls“ - die Päpstin, die Geisha, der ihre Kinder weggenommen wurden, die Weltreisende, die Königin, die holländische Bauersfrau. Und auch Marlene, frisch gebackene Managerin, weiß das im Grunde. Vor dem Hintergrund des Banketts, bei dem sie erfährt, welchen Preis ihre historischen Vorbilder für ihre „Karrieren“ bezahlt haben, wird ihre Auseinandersetzung mit der Schwester, die ihr ungewolltes Kind groß zieht, verständlich. Oder besser: halbwegs verständlich. Denn Caryl Churchills Stück hat eine seltsame Struktur, die Geschichte wird nicht rund. Das soll wohl dem ungelösten Dilemma der Frauen Rechnung tragen, doch vor allem verwirrt es. Robert Chevara macht in seiner Inszenierung für die Friends of Italian Opera (noch bis 15.9.) keinen Versuch, die Verwirrung zu lösen oder die Situation der heutigen anzupassen. Der radikalfeministische Ansatz, die Karrieregeilheit, die politischen Auseinandersetzungen treffen das Problem nach 23 Jahren nicht mehr ganz. Nach einer wunderbaren Eröffnungsszene und einem spannungsvollen ersten Akt geht viel Schwung verloren; bei der schlechten Akustik im Theater am Ufer hätte das Tempo der sich oft überschneidenden Dialoge gedrosselt und die Lautsstärke gemindert werden müssen - so hatten selbst englische Muttersprachler Verständnisschwierigkeiten. Auch wenn die sieben Frauen stellenweise hervorragend spielten.Susanna Nieder

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