• Steinmeier eröffnet Europäische Schriftstellerkonferenz: "Der Traum von Europa geht weiter"

Steinmeier eröffnet Europäische Schriftstellerkonferenz : "Der Traum von Europa geht weiter"

Wer Konflikte lösen will, braucht Verständigung. Die Literatur leistet dazu ihren Beitrag, sagt Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Lesen Sie seine Eröffnungsrede zur Europäischen Schriftstellerkonferenz im Wortlaut.

Frank-Walter Steinmeier
Foto von Frank-Walter Steinmeier
Will für eine offene Gesellschaft kämpfen: Frank-Walter Steinmeier.Foto: dpa

Liebe Gäste aus nah und fern,

gemeinsam mit Mely Kiyak, Antje Rávic Strubel, Nicol Ljubic und Tilman Spengler begrüße ich Sie zur Europäischen Schriftstellerkonferenz in Berlin!

Vor 200 Jahren wurde in einem Dorf bei Kiew der Dichter Taras Schewtschenko geboren. Seinen ersten Gedichtband verfasste er in St. Petersburg – aber in ukrainischer Sprache, die von seinen Kritikern als „bäuerlich“ verschmäht wurde. In St. Petersburg zensiert und später verurteilt, wurde Schewtschenko in seiner Heimat als Nationaldichter gefeiert. Bis heute zieren seine Statuen die Stadtplätze der Ukraine – in Kiew genau wie in Donezk.

Wenige Jahre vor ihm, im Jahre 1809, wurde in der Ukraine ein anderer großer Literat geboren: Nikolai Gogol. Gogol verfasste seine Werke auf Russisch. Er liegt in Moskau begraben. Ein Blick in die Gegenwart: Pünktlich zum 200. Geburtstag von Gogol im Jahr 2009 priesen russische Literaturhistoriker Gogol als „einen der größten Klassiker der russischen Literatur“. Gogol, schrieben sie, habe seine Heimat „Kleinrussland“, also die Ukraine, als natürlichen Teil Russlands betrachtet. Und umgekehrt, pünktlich zum 200. Geburtstag von Schewtschenko –das war vor wenigen Wochen– forderten einige in der Ukraine, man müsse seinem mutigen Vorbild folgen und die russische Sprache endlich aus der Ukraine verbannen.

Meine Damen und Herren, aus beiden Beispielen spricht für mich eine klare Lehre – eine Lehre, die umso schwerer wiegt vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts: Wer glaubt, politische Grenzen müssten kulturellen Grenzen folgen, begeht einen schweren Fehler. Die Geschichte des Nationalstaates lehrt uns einige davon. Und wer umgekehrt glaubt, kulturelle Grenzen müssten politischen Grenzen folgen, der irrt genauso. Die Geschichte von ethnischen Säuberungen und anderen Untaten ist lang. Und überhaupt: Wenn kulturelle und politische Grenzen immer ein und dieselben sein müssten, wie viel ärmer wäre dann die Literatur! Wie viel dümmer wäre die Politik!

Wenn dem so wäre, so könnte der Tscheche Franz Kafka kein deutscher Schriftsteller gewesen sein. Der gebürtige Pole Joseph Conrad wäre wohl kaum ein Klassiker der englischen Literatur geworden. Und der in Algerien aufgewachsene Albert Camus nie zu einer der größten Stimmen französischer Literatur im 20. Jahrhundert geworden. Wenn dem so wäre, hätte es weder Adelbert von Chamisso gegeben noch die großen Adelbert-von-Chamisso-Preisträger der letzten 30 Jahre. Wenn dem so wäre, dann säßen hier weder Mely Kiyak noch Nicol Ljubic.

Die heutige Konferenz spannt ein großes Dreieck auf: Literatur – Politik – Europa. Ein spannendes und ein spannungsreiches Dreieck! Mit diesem Dreieck vor Augen will ich zu Beginn drei Fragen stellen – und zwei Antworten geben. Die erste Frage lautet: Was wollen Literaten mit Politik? Die zweite Frage heißt: Was will die Politik mit Literaten? Und die dritte Frage lautet: Was will Europa mit Literaten? Nach derselben Logik könnte eigentlich eine vierte Frage lauten: Was will Europa mit Politikern? Ich lasse diese Frage heute lieber außen vor...

Warum beantworte ich nur zwei meiner drei Fragen? Ganz einfach: Die Frage 'Was wollen Literaten mit der Politik‘ hat ein Politiker schlichtweg nicht zu beantworten. Immer dann, wenn Politik der Literatur ihren Sinn und Zweck vorzugeben meint, droht die Kunst zum Instrument zu werden. Die Literatur zur Propaganda. Wenn Literaten von der Politik eines erwarten sollten, dann ist es jenes Prinzip, das wir in Deutschland und in Europa mühsam erlernt haben, indem wir es über die Jahrhunderte viel zu oft verletzt haben. Dieses Prinzip lautet: Die Kunst muss frei sein. Das ist der Grund, warum diese Frage nicht an mich, sondern an Künstler und Literaten selbst gerichtet ist – und sicherlich auf dieser Konferenz immer wieder eine Rolle spielen wird.

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