Kultur : Steinzeit-Erlebnis

HELLMUTH KARASEK

Die MontagsglosseVON HELLMUTH KARASEKWie es in der Steinzeit zuging, weiß ich durch das Fernsehen.Wenn ich meinen Kindern über die Schultern schaute, während sie "Familie Feuerstein" guckten und dabei hängen blieb.Seit damals weiß ich, auch in der Steinzeit sah es aus wie bei Hempels unterm Sofa, und Reifenprobleme hatten die jedenfalls nicht. Wie es vor der Steinzeit zuging (hieß die Zeit Diluvium?, Tertiär? oder Unterprima? Egal!), weiß ich seit letzter Woche ebenfalls durch das Fernsehen.Als in Madrid, mitten im elektronischen Zeitalter, ein Tor umfiel.Und auf einmal half keine e-mail und kein Handy und kein Internet und keine Konferenzschaltung und keine Eurovision.Das war der Hammer! Und zwar wirklich.Männer in grauen Anzügen standen auf einmal da, als hätten sie Bärenfelle um.Sie schickten andere aus, Holzteile zu sammeln, und während ich überlegte, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn die sich ein Tor durch den Pizza-Service bestellen würden, vielleicht käme es dann schneller, allerdings con funghi, wurden Keile in den Boden getrieben, und das Tor wackelte, und jemand holte ein Maßband von Omas Nähmaschine, der Zollstock schien noch nicht erfunden, ließ es vor der wackelnden Latte im Wind flattern und sagte (auf Madrilenisch): "Paßt scho!" Paßte aber nicht, wie sich herausstellen sollte. Wie es in der Wirklichkeit (ohne Fernsehen) zugeht, erfuhr ich am nächsten Morgen, als ich noch schadenfroh an das umgefallene Tor dachte.Doch dazu muß ich ausholen: Ich habe in Berlin eine kleine, dennoch geschmackvolle Wohnung, bei deren Küchentür sich die Klinke gelockert hatte.Ähnlich wie das Tor in Madrid.Und am Morgen zog es, weil ich zwecks Lüftung das Fenster öffnete, und in der kleinen Küche das Fenster offen gelassen hatte über Nacht, auch zwecks Lüftung.Ich eilte also, durchaus noch wenig bekleidet und ohne Brille (ein Mensch im Holozän sozusagen) in die Küche, das Fenster zu schließen.(Bautz! fiel die Türe zu, und klirr! lag die Klinke auf dem Boden.Ich setzte sie wieder ein, dabei stieß sie die andere Klinke gegenüber hinaus.Ich war eingeschlossen; ohne Telefon, Handy, Fernsehen, Fußballübertragung und Pizzaservice! Zurück in der Steinzeit! Aber ich hatte, anders als meine Vorfahren im Jura und Delirium, ein Schweizermesser, bei dem ich auch ohne Brille die Lupe, den Zahnstocher und den Korkenzieher fand.Beim weiteren Suchen noch die Zange (es ist das Schweizermesser höchster Stufe und hat, abgesehen von einem Fußballtoraufsteller, alles) schnitt ich mir in den Daumen, und die Zange kantete außerdem nicht.Sie war, obwohl klein, zu dick; das Problem kennt man. Ich blickte auf den Hof, hinab in die Tiefe von der Höhe des dritten Stocks.Es regnete.Ich wartete.Niemand ging zu den Mülleimern, alle Fenster bis auf meins geschlossen.Es war kalt.Nach einer Ewigkeit - meine Quarzuhr, die ich ins Quartär gerettet hatte, sagte mir: noch 30 Minuten - überwand ich meine Scham und rief mehrmals "Hallo!" in den hallenden Hof, erst schüchtern, dann immer lauter."Hallo!", wie jemand, der ohne Telefon telefonieren will.Endlich öffnete sich unter mir ein Fenster.Ich rief meine Notlage mit blutendem Daumen in den Hinterhof, warf schließlich Zettel und Telefonnummer hinunter.Bald war Hilfe im Anmarsch. Während der Wartezeit wollte ich nicht untätig sein, nicht wie das hilflose Bergopfer fröstelnd dastehen, bevor die Alpenwacht und der Bernhardiner mit dem Enzianfäßchen kommt.Ich griff also noch einmal nach meinem Schweizermesser, den Daumen mit Küchenkrepp umwickelt.Diesmal zog ich die einfache Klinge auf, drückte sie ins Klinkenloch und benutzte sie aufs Geratewohl als Vierkant. Was soll ich sagen: Es klappte.Mit einem Schritt war ich, wenn auch leicht lädiert, wieder zurück in der Postmoderne, wo wir Tore aus Madrid nur elektronisch vermittelt umfallen sehen.Ich hätte mir sogar eine Pizza bestellen können.

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