Kultur : Stellungskrieg im Supermarkt

Immer mehr Filme, und an der Sonne liegt’s auch nicht: Warum immer weniger Deutsche ins Kino gehen

Jan Schulz-Ojala

Schon seltsam: Da willst du den gerade gestarteten Film „Garden State“ gucken, im Berliner Cinemaxx am Potsdamer Platz, einem Haus mit 19 Sälen. Ist vielleicht noch kein berühmter Regisseur, dieser Zach Braff, aber immerhin spielt Natalie Portman, ein Weltstar, die Hauptrolle – in einem Film, der junge Leute ebenso ansprechen dürfte wie jene, die die Jugend in sich noch nicht ganz vergessen haben. Mit anderen Worten: etwas für die mittlere bis große Leinwand. Und dann schicken sie dich ins Cinemaxx 15. Leinwand okay, Sound okay – aber bloß 52 Plätze für so einen Film? Erste Erklärung an der Kasse: „Star Wars III“ blockiere mal eben ein halbes Dutzend der Großkino-Leinwände, und das vertragsgemäß, sechs Wochen lang. Das Multiplex – ein Monoplex?

Ganz so eindeutig ist es dann doch nicht: Nur auf fünf Cinemaxx-Leinwänden nehmen die „Star-Wars“-Sith derzeit Rache, und der Vertrag mit den Außerirdischen der Firma Fox gilt, so Cinemaxx-Sprecher Arne Schmidt, nur für das größte Kino mit 600 Plätzen. Irgendwie alles sehr verständlich: Der Verleih sichert sich, auch gegen die nachdrängende Blockbuster-Konkurrenz, die besten Plätze bei den umsatzwichtigsten Kinomachern des Landes, und die wiederum atmen nach Monaten des Darbens auf: „Star Wars“ ist immer ein Hit. Nur hätte er, angesichts des Wahnsinns-Werbeaufwands, nicht noch mehr Zuschauer locken können als fünf Millionen in vier Wochen? Schmidt drückt das einstweilige Ergebnis diplomatisch aus: „Also, man kann jedenfalls nicht sagen, dass es eine Enttäuschung wäre.“

Wie auch immer: Solche Erlebnisse und Einblicke in Marktmechanismen befördern den Verdruss am Kino. Sie zeugen vom unerbittlichen Selbstbehauptungskrieg, den die immer teurer produzierenden Branchenriesen gegen die Nächstgrößeren – und die vielen Kleinen – führen; zeugen vom längst kranken Gebrüll, mit dem die fragile menschliche Aufmerksamkeit überall monopolisiert werden soll. Nur: Irgendwann ist das Publikum blind und taub. Und irgendwann ist es weg. Sucht sich erst subtil, dann beunruhigend und störend, schließlich für die Filmverwertungsindustrie existenzgefährend andere Wege.

Sagen wir’s in nackten Zahlen. Seit Jahresbeginn ist der Kinoumsatz in Deutschland um rund zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen. Und schon das Jahr 2004 war, zumindest im ersten Quartal, finster genug – obwohl es sich bis Jahresende noch auf 157 Millionen verkaufte Kinotickets rappelte. Doch von den stürmischen Wachstumsraten der Jahrtausendwende träumt die Branche heute vergeblich. Es liegt nicht nur daran, dass mittlerweile alljährlich knapp 500 Filme ihr Heil im Kino suchen – eine Masse, die nicht nur die Aufnahmefähigkeit der Zuschauer, sondern auch der medialen Vermittler längst übersteigt. Abgesehen vom Überangebot, das das Produkt Kinofilm insgesamt zur Discount-Schleuderware entwertet, machen auch andere Sorgen den Kinomachern zu schaffen: gefährlich wie die legendären Köpfe der neunköpfigen Wasserschlange Hydra, der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue nachwuchsen. Nur: Ein Herakles, der den Spuk beenden könnte, ist nicht in Sicht.

Immerhin auf eine Hauptursache für den Zuschauerschwund können sich Verleiher, Kinomacher und Marktexperten einigen: Die Leute haben weniger Geld. Oder sie geben es für anderes aus. Der Kino-Durchschnittspreis liegt mittlerweile bei 6 Euro – „da ist eine Familie locker 50 Mark los“, bringt es Axel Kuner, Marktanalyst bei Nielsen-Edi, schön altmodisch auf den Punkt. Dass ein Kirmes-Besuch noch teurer ist, wie Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des Verbands der Filmverleiher, eilig nachschiebt, dürfte nicht gleich jeden Familienvater trösten.

Nun gehen nicht nur Zahlemann und Söhne ins Kino, sondern vor allem die Jugendlichen selbst – und unter ihnen haben sich preisliche Alternativen längst herumgesprochen. Nach wie vor weit oben in ihrer Gunst steht der gemeinsame Marathon-DVD-Abend – und dass DVDs schon spätestens sechs Monate nach Kinostart in den Videotheken stehen, erhöht das Vergnügen noch. Da bleiben fürs Kino nur die echten must-see-Filme – also die, die man zwecks Mitredens manchmal eher sofort gesehen haben muss, als dass man sie immer wirklich sehen will. Nur welche waren denn in den letzten Monaten noch must see? An schönen Komödien, über die man sich auch mal geschlechterübergreifend verständigen will, fehlte es weitgehend, und im Felde des Maskulo-Monumentalen erreichte erst „Star Wars“ wieder jene durchschlagende Attraktivität, die „Alexander“, „Robots“ oder „Königreich der Himmel“ schmerzhaft vermissen ließen.

Die Raubkopie dagegen, glaubt man zumindest den in dieser Hinsicht erfolgsverbreitungsbedürftigen Experten, ist auf dem Rückzug. Nicht nur wegen der Gruselkampagne, die die Furchtsamen unter den Privatkriminalisierten beeindruckt; nicht nur wegen der technisch oft lausigen Filmqualität, die den „Geiz-ist- geil“-Sichtungsgenuss verdirbt. Es liegt vor allem an der neuen Strategie der Großstudios, die raubkopieträchtigsten Titel weltweit zeitgleich zu starten: So kommt der Schwarzmarkt erst nach dem finanziell wichtigsten ersten Kino-Wochenende langsam in Schwung.

Doch ach, schon wieder wächst ein Hydra-Köpfchen nach. Denn Hollywood bringt – tückische Tradition – seine größten Knüller immer im Sommer an den Start. Dabei ist keineswegs gesagt, dass die Deutschen mit diesem Zeitplan so mitziehen können, wie die US-Majors und ihre hiesigen Nutznießer sich das wünschen. Steven Spielbergs „Krieg der Welten“, das Abenteuerfilm-Remake „Der Flug des Phönix“, die Trickfilm-Komödie „Madagascar“, der Action-Thriller „Mr. und Mrs. Smith“, das „Herbie“-Remake und Robert Rodriguez’ Blutrunstspektakel „Sin City“: Sie alle starten in den Sommerferien. Hierzulande gelten diese Wochen nicht gerade als Top-Kinozeit – erst recht nicht, wenn der Sommer denn noch wirklich kommen sollte.

Kein Wunder, dass die Kinomacher da mit einigermaßen vorsichtigem Optimismus dem Rest des Kinojahres entgegenblicken. Ziemlich allein steht Johannes Klingsporn, der sich mit buddhistischer Gelassenheit auf den Dalai Lama beruft: „Geh nur drei Meter vom Problem weg“, empfiehlt er der Branche, „schon erscheint es dir kleiner!“ Weit finsterer tönt da schon die Prognose, wonach bei fortgesetzter Krise zum Jahresende zehn Prozent der knapp 5000 deutschen Kinoleinwände verschwunden sein könnten – was exakt jenem Umsatzeinbruch entspräche, der dem Jahr jetzt schon anhängt. Wobei der Schwund hier vor allem die Kleineren treffen dürfte. Wer das gesagt hat? Jemand, der vorzüglich Bescheid weiß. Nur zitieren lassen will er sich damit nicht. Schließlich gehört auch er zum großen Kreis jener Leute, die gute Nachrichten rund ums Kino einfach lieben müssen.

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