Kultur : Stellvertreter

Moshe Zimmermann meldet sich aus Tel Aviv

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Moshe Zimmermann schreibt abwechselnd mit Abbas Beydoun, Beirut Kriege sind nicht unvermeidlich, solange sie nicht begonnen haben, schrieb ein englischer Historiker über den Ersten Weltkrieg. Auch im Nahen Osten hätte es eine Alternative zum Krieg geben können, selbst nach dem Überfall der Hisbollah auf israelisches Territorium. Zumindest hätte die Reaktion auf diese Provokation umsichtiger ausfallen können.

Mr. Durchschnitts-Israeli ist da anderer Meinung. Er behauptet, dass dieser Krieg nicht nur gerecht ist, sondern von Beginn an – also seitdem die Hisbollah im Süden Libanons Fuß fassen konnte – auch unvermeidlich war. Diese Auffassung führt dann zur Rechtfertigung der militärischen Maßnahmen Israels: Wenn die Hisbollah Privatwohnungen als Arsenale und Abschussrampen für Katjuscha-Raketen nutzt, ist die Zerstörung dieser Wohnungen unvermeidlich: „Kollateralschäden“ als zwar tragische, aber direkte Folge. Wenn Hisbollah-Kämpfer ein Dorf als Stützpunkt für Attacken auf Israel benutzen, kann man auf die Zivilisten im Dorf, darunter auch Kinder, keine Rücksicht mehr nehmen, da die Sicherheit der israelischen Soldaten und Zivilisten oberste Priorität hat. Etwa 500 getötete Libanesen, so denkt Mr. Durchschnitts-Israeli, das bedeutet noch keine Massentötung und Dehumanisierung der israelischen Reaktion. Die Zahl spreche eher für den Versuch, im Rahmen der Jagd nach 10 000 Raketen „chirurgisch“, also äußerst vorsichtig, vorzugehen.

Diesen Durchschnitts-Israeli treffe ich jeden Tag. Weil eben Krieg ist, kümmert er sich um sich selbst und seine Nachbarschaft, um die israelischen Opfer des Krieges. Er glaubt den Sprechern des Militärs und wird ungeduldig, wenn sich kritische Stimmen zu Wort melden. Abbas Beydouns Einwände hätte er im besten Fall schlicht ignoriert.

Aufschlussreich sind die Diskussionen im Internet: Auch hier reagieren viele Israelis auf abweichende Äußerungen mit Null Toleranz. Dass die libanesische Bevölkerung, wie jede Zivilbevölkerung in einer vergleichbaren Situation, nicht in der Lage war und ist, die auch ihr gefährliche Miliz zu entwaffnen, nimmt kaum jemand zur Kenntnis. Man fragt sich nicht – und da sind wir wieder bei der Vermeidbarkeit eines Krieges: Wieso haben wir seit dem Rückzug aus dem Libanon im Jahr 2000 oder spätestens seit dem UN-Beschluss 1559 nicht energischer vor dieser Gefahr, vor dem immer unvermeidbarer werdenden Krieg gewarnt? Musste man nicht damit rechnen, dass im Fall eines Kriegs gegen die Hisbollah ein (wenn auch nicht absichtliches) Massaker auf Zivilisten quasi vorprogrammiert ist?

Auch andere Fragen stellen sich: Weshalb hat die internationale Gemeinschaft, die heute so demonstrativ ihr Mitleid mit den armen Libanesen zur Schau stellt, nicht rechtzeitig versucht, das Pulverfass zu entschärfen und den Krieg abzuwenden? Wieso führen Libanesen und Israelis einen Stellvertreterkrieg in einer Auseinandersetzung, deren eigentliche Kontrahenten USA und Iran sind? Gerade in Fällen, in denen ein Krieg unvermeidlich scheint, gibt es Warnsignale, die man nutzen kann, um das angeblich Unvermeidliche doch zu vermeiden.

Der Autor lehrt Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem und lebt in Tel Aviv.

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