Kultur : Stephan Jung bei Eigen + Art: Großbildleinwandmalerei - Popcorn fürs Auge

Knut Ebeling

Ein Bild, ein einziges großes Bild. Neunmeterfünfzig lang, dreifünfzig hoch: Das macht mehr als dreiunddreißig Quadratmeter bemalte Fläche. Das Bild von Stephan Jung, erinnert allein durch seine Ausmaße an die große Zeit, in der Bilder noch für spezifische Räume gefertigt wurden und ihre Enthüllung ein Ereignis war. Wie eine Stellwand steht es auf zwei Klötzen und zitiert den Diskurs der Materialität des Bildes allein durch seine Dimension: Wenn im Sommer bei geöffneten Türen der staubige Wind aus der Auguststraße hereinweht, fängt die Leinwand an, sich zu bewegen.

Groß hat Jung immer schon gern gemalt. In seiner letzten Show bei Eigen + Art hat er Lichtspuren auf überdimensionalen Bildern gezeigt, die so nah herangezoomt waren, dass die klargezeichnte Unschärfe an Sternschnuppen erinnerte, wo es sich um Asphaltspuren handelte. Sie zeigten bereits die diskrete Eleganz einer Malerei, deren bildschirmhafter Modus sich an neuen Medien orientierte, aber klassisch ausgeführt wurde. Von dieser Ästhetik der Unschärfe hat sich Jung in seiner neuen Arbeit auf den ersten Blick distanziert. Die dreiunddreißig Quadratmeter zeigen was man sonst klitzeklein auf dem Bildschirm hat: Raster, nichts als Raster. Die gesamte Fläche des Bildes ist mit verzerrten Rechtecken in allen erdenklichen Farben und Perspektiven vollgemalt. Es entsteht eine gewisse Spannung zwischen der sinnfreien Ordnung der bunten Raster und dem verbogenen räumlichen Grundmuster. Die verwirrenden Überdehnungen sind derart utopisch, die räumlichen Verschränkungen derart illusionär, daß man meint, einen Farbdesigner im LSD-Rausch zu überraschen: Das Bild von Jung sieht aus wie ein RAL-Farbspektrum, dem das Programm irgendwann durchgeknallt ist.

Wenn man den Berliner Maler nach seiner Alice in Cyberland fragt, erzählt er einem, er habe eine zeitlang nichts anderes gemacht, als Computerspiele zu spielen: Angesichts der pathetischen Großbildleinwände Jungs scheint Lakonie das einzig Verträgliche. Die Rechtecke in seinem Bild seien nichts als Polygone, also durch farbige Vielecke bezeichnete Flächen, die in der 3D-Computergrafik der Computergames zur Darstellung komplexer räumlicher Zusammenhänge verwendet werden. Was Jung damit anstellt, ist die Geburt des Bildes aus der mathematischen Topologie: Die Herstellung eines dreidimensionalen Bildes auf einer zweidimensionalen Fläche. Als hätte Jung das Geheimnis der abendländischen perspektivischen Malerei ein zweites Mal nach Alberti und Leonardo - oder auch, wie jüngere Forschungen nachweisen, nach Brunellesci 1425 - entdeckt, konstruiert er auf seiner topologischen Wandtafel wild ineinander verschachtelte bunte Räume.

In Wirklichkeit ist die gameboyhafte Oberfläche des Bildes natürlich am Rechner entstanden und wurde erst nachher akribisch mit dem Pinsel auf die Leinwand übertragen. Und doch funktioniert sein Bild automatisch: Es ordnet, formatiert und standardisiert die 3D-Daten und überträgt sie in eine zweidimensionale Fläche, ebenso wie Leonardo und Dürer ihre Bilder nach der Maßgabe eines speziellen Rasterprogramms aus der Realität auf die Leinwand übertrugen. In der Arbeit zwischen den Medien hat Jung die Herstellung des klassischen zentralperspektivischen Bildes im technischen Medium neu erfunden und ad absurdum geführt: Seine Archäologie der klassischen Malerei gräbt die Bedienungsanleitung der abendländischen Bildtradition neu aus, um mit ihr einen Hokuspokus zu veranstalten.

Während auf diese Weise Flächen mit dem herstellungstechnischen Schwierigkeitsgrad und in der inhaltlichen Leere der modernen Computergames entstehen, entblößt Jung das Bildprogramm (im computertechnischen Sinn) der abendländischen Malerei: Eine mögliche Deutung dieser Strategie wäre die Gleichsetzung der perspektivischen Bildtradition mit Jungs Popcorn fürs Auge; statt Menschen hätten schon damals Programme gemalt. Und während man versucht ist, dieser Deutung nachzugeben, weht ein staubiger Windhauch von der Straße herein und vertreibt mit auf der Leinwand den Absolutismus des Rasters. (Preis auf Anfrage)

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