Stephan Prattes "Clivia"-Bühnenbau : Der Bühnenschmücker

Er kann kitschig, er kann karg: Stephan Prattes baut Bühnen von Salzburg bis Berlin. Aber noch nie so aufwendig wie für „Clivia“ in der Komischen Oper.

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Pretty in Pink. Stephan Prattes vor seinem im Bau befindlichen Bühnenbild für "Clivia" an der Komischen Oper.
Pretty in Pink. Stephan Prattes vor seinem im Bau befindlichen Bühnenbild für "Clivia" an der Komischen Oper.Foto: Sven Darmer/Davids

Das mit dem Blumen-sprechen-lassen, kann ganz schön aufwendig sein. Um eine Riesenblume vorne an der Bühne der Komischen Oper aufzupflanzen, braucht es an die zehn Arbeiter und einen Flaschenzug. Endlich sind der lange Stängel und die Blüte mit den aufklappbaren Blütenblättern justiert. „Na, servus“, schüttelt der im Saal dem lustigen Schauspiel beiwohnende Bühnenbildner den Kopf. „Das muss ich morgen gleich besprechen“, murmelt er sich in den Bart, „da muss mehr Grünzeug rein.“ In der Tat fehlt es der Clivia, der Blume zur gleichnamigen Operette, noch an floraler Illusionskraft. Stattdessen ist ernüchterndes Gestänge, also das mechanische Innenleben zu sehen. Nicht schlimm, winkt Stephan Prattes ab, kommt auf die Liste mit den Nachbesserungen. Zu den anderen suboptimalen Sachen, die er mit dem Bühnenmeister, dem Malsaalchef, dem Werkstattleiter besprechen muss. Morgen, sagt er, wenn die technische Einrichtung gelaufen ist.

Heute schaut er sich alles an, was an voluminösen Teilen aus den zentralen Opernwerkstätten in Friedrichshain angeliefert und von Bühnenarbeitern nach detaillierten dreidimensionalen Konstruktionsplänen zusammengesetzt wird. Er lächelt, zeigt Präsenz, beantwortet Fragen, registriert Lob, registriert Kümmernisse, genießt den Tag, an dem endlich Gestalt annimmt, was er seit mehr als einem Jahr erarbeitet: das Bühnenbild von Nico Dostals überkandidelter Dreißiger-Jahre-Operette „Clivia“. Der aufwendigsten Produktion, die die Bühnenabteilung des Hauses seit ewig zu stemmen hatte, wie Prattes sagt, und ein zufällig vorbeikommender Produktionsassistent prompt bestätigt.

Kommenden Sonnabend ist die Premiere. In den Hauptrollen singen und tanzen die Geschwister Pfister, für die Stephan Prattes seit „The Voice of Snow White“ 1998 im Hebbel-Theater alle Bühnenbilder baut. Sonst in intimer Club-Ausführung, jetzt einmal in XXL. Apropos singen und tanzen. Oben auf einer mit spürbarem Gefälle versehenen Showplattform zu stehen und eine mit Pink beklebte Showtreppe hinunterzuschreiten, ist ein erhebendes, aber auch plümerantes Gefühl. Wie hoch das ist und wie weit unten die Zuschauer sitzen! Der Respekt vor den Darstellern steigt mit jedem Selbsttest, den Prattes einen bei der Bühnenführung unternehmen lässt.

Das ästhetische Konzept der Produktion ist schnell zusammengefasst: „Kitsch Kitsch Kitsch im Pfister-Style“, sagt er und zeigt die solide Stahlkonstruktion, die ein rosa Teletubbie-Haus im Operettenstaat Boliguay hinterrücks zusammenhält. Zeigt den über und über mit Goldflitter beklebten Panzer, der Fräulein Schneider, Chefin der boliguayanischen Amazonenarmee, als Hochzeitskutsche dient. Zeigt den mit Glänzfolie beklebten Blütenkranz einer weiteren Riesen-Clivia, die das gesamte Orchester auf der Drehbühne beherbergen soll. Sieht, dass da schon beim Transport einige grobe Ratscher reingeraten sind. Seufzt: „Nach der zehnten Vorstellung magst die Kulissenteile dann gar nimmer sehn.“

Prattes, 40 Jahre alt, ist Österreicher, in Wien geboren, in Graz aufgewachsen, dort hat er auch Bühnen- und Kostümgestaltung studiert. 14 in Berlin zugebrachte Jahre haben seinem Akzent und seinem Schmäh nichts anhaben können. Zum Glück sitze ja kein Zuschauer so nah, dass er alle Schrammen der Ausstattung sehe, beruhigt er sich. Auch das Licht ist ein großer Kaschierer, vom Schauspiel ganz zu schweigen.

Trotzdem: Der Look muss stimmen. Sei er opulent wie hier oder naturalistisch wie am Theater am Kurfürstendamm, wo seit einer guten Woche die ebenfalls von Prattes ausgestattete Beziehungskomödie „Schlechter Rat“ mit Uwe Ochsenknecht in der Hauptrolle läuft. So viel kleiner sei die Drehbühne dort verglichen mit der hier gar nicht, stellt er überrascht fest, und umreißt im Vergleich der Produktionen gleich mal ein paar Bühnenbildfunktionen: Im gedrungenen Raum des Ku’dammtheaters gilt es Tiefe und Weite herzustellen und dem Boulevardstück die für die Handlung nötigen Ortswechsel und Requisiten zu schaffen. In der Komischen Oper will er die Akteure dagegen nach vorne an die Rampe holen und von Hollywood-Revuefilmen inspirierte, ironisch gebrochene Glamourbilder schaffen. „Jedes Bühnenbild ist ein Prototyp“, sagt Prattes, „das macht es so besonders.“

Dass er Kitsch ebenso wie Kargheit, das barocke, ornamentale, ebenso wie das minimalistische, grafische Bühnenbild beherrscht, hat der ideenreiche Prattes von „La Traviata“ in Salzburg, über die „Rocky Horror Picture Show" in Saarbrücken, „Die Schweizermacher“ in Zürich bis zu „Frau Müller muss weg“ in Braunschweig gezeigt. Seit 1998 ist er freier Bühnenbildner. Keiner von den ganz großen Namen wie Anna Viebrock oder Bert Neumann, aber viel- und quer durch die Theatergenres beschäftigt. Welcher Idee von Bühne und Raum, welchem theoretischen Überbau er sich verpflichtet fühlt? Prattes muss lachen und sagt: „Die Leute sollen was kriegen für ihr Geld!“ Vor jeder Arbeit setzt er sich nach Lektüre des Stücks als Theaterbesucher in den Zuschauerraum. Das ist die Position, aus der er alle seine Bauten entwirft. Und es klingt fast ein bisschen entschuldigend, wenn er sagt: „Ich komme vom Kindertheater, ich will’s toll und bunt haben. Ich bin ein Bühnenschmücker.“

Genauer gesagt kommt er nicht vom Kindertheater, sondern er hat im zarten Alter von 14 Jahren sein eigenes gegründet und 13 Jahre als Regisseur, Ausstatter und Komponist geführt: das MKT-Theater Graz.

In der Komischen Oper nimmt das Fantasiereich Boliguay langsam Gestalt an. Hausherr Barrie Kosky erscheint am Bühnenrand. Er will mal spicken. „Na, Stress?“ ruft er zu Prattes runter, der im Saal sitzt und auf dem Laptop seine Modelle für die „Clivia“-Bilder zeigt. Der tut gelassen, obwohl die Zeit rinnt. Mit Regisseur Stefan Huber, der ebenfalls gucken kommt, tauscht er eine Umarmung. Dessen Job ist Prattes nicht fremd. Bei zwei Shows seiner Freundin Katharine Mehrling – in der Bar jeder Vernunft und im Wintergarten – hat er die Regie übernommen. Einen ganzen Abend konzeptionell zu gestalten, das interessiert ihn. Er will nicht nur Verpackung, er will Inhalt.

Auch wenn er um die Bedeutung einer ansprechenden Hülle weiß. Klar, sei Bühnenbildner am Theater der wichtigste Job! Prattes lacht sich eins. „Das, worüber die Leute reden, ist doch, wie’s ausschaut. Ob die Bühne nur schwarz war oder schön bunt.“ Da braucht bei „Clivia“ ja nun keiner mehr zu raten.

„Clivia“ hat am 8. März in der Komischen Oper Premiere. „Schlechter Rat“ läuft bis 27. April im Theater am Kurfürstendamm

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