Stéphane Denève und das DSO : Was der Nachbar schafft

Der Dirigent Stéphane Denève, der Pianist Bertrand Chamayou und das Deutsche Symphonie-Orchester spielen Raritäten aus dem französischen Repertoire in die Philharmonie - und begeistern das Publikum.

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Stéphane Denève
Stéphane DenèveFoto: Drew Farrell

Ein starkes, ein mutiges Programm: Zwei Franzosen, die in Berlin noch kaum jemand kennt, bringen drei Raritäten und nur einen Hit aus ihrer Heimat zum Deutschen Symphonie-Orchester in die Philharmonie mit. So etwas geht nur im deutschen Kulturfördersystem – und bei einem Ensemble mit gefestigter Abonnentenstruktur. Am Ende aber gehen auch die zunächst skeptischen Zuhörer zufrieden aus der Philharmonie, um einige anregende Hörerfahrungen reicher.

Dirigent Stéphane Denève setzt das gewichtigste Werk an den Anfang und wird dann immer populärer. In Ravels „Bolero“, dem Finalschmankerl, nutzen die Bläsersolisten des DSO die Gelegenheit, sich als Interpreten mit Charakter zu inszenieren, allen voran Fagottistin Karoline Zurl. Auch Albert Roussels 3. Sinfonie, 1928 uraufgeführt, nur zwei Jahre nach dem Bolero, feiert eine französische Tugend: Es ist keine Schande, dem Publikum zu gefallen – solange das Divertissement geistreich ist. Klangfarbenfroh geht es in der Partitur des zu Lebzeiten für seine Ballettmusiken geschätzten Komponisten zu, stilistisch bunt mit Walzer-, Foxtrot- und Marschmusik-Anklängen. Sinfonisches Synchronschwimmen, vom DSO sportlich elegant dargeboten.

Großen Eindruck macht am Samstag der junge Pianist Bertrand Chamayou – gerade, weil er keinen Druck macht. Zart und innig ist sein Spiel, selbst die rasantesten Passagen wirken stets anmutig. Eine ideale Ausgangsbasis, um das kunstvoll verwobene Motivgeflecht in César Francks „Symphonischen Variationen“ von 1886 auch klanglich zum Leuchten zu bringen.

In den Jahren 1945 und 1946 entstand Arthur Honeggers „Symphonie liturgique“. Stéphane Denève deutet sie als musikalisches Pendant zu Picassos „Guernica“-Gemälde: halb gegenständlich, halb abstrakt, radikal in den Stilmitteln, wo es um die Anklage des Krieges geht, um Tod und Verzweiflung, im Geist aber zutiefst humanistisch. Wie bei Bach werden die Dissonanzen hier als rhetorische Figuren genutzt, als Schmerzmetapher. Doch letztlich will Honegger vor allem eins: Hoffnung machen, mit seiner Suche nach hellen Klangfarben, seinem Streben, den sinfonischen Satzbau durchhörbar zu gestalten.

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