Kultur : Sterben ist männlich

SILVIA HALLENSLEBEN

Der definitive Frauenablachfilm: Sherry Hormanns schwarze Komödie "Widows"VON SILVIA HALLENSLEBENEs gibt Filme, die möchte die Kritikerin nach Sichtung erst einmal reifen lassen, damit sie, gut abgelagert, nach und nach ihre Verführungs- oder Verstörungskünste genüßlich verströmen lassen.Es gibt andere, die sollte man besser gleich und sofort abrechnen.Weil es halt Pflicht ist und außerdem morgen ein neuer Tag mit neuen Bildern, und es könnte ja sein, daß dann keine Spur mehr daran erinnert, daß da mal etwas war.Eigentlich ist das nicht schlecht, weil es Platz in den verfügbaren Gedächtnisspeichern schafft.Doch irgendwie macht der Erinnerungsverlust ein schlechtes Gewissen -dem mißachteten Objekt gegenüber.Dagegen hilft nur eins: Den Dingen auf den Grund gehen.Warum also vergessen wir manche Filme, andere nicht? "Widows", der neueste Film der Regisseurin Sherry Hormann ("Irren ist männlich"), ist zur Klärung dieser Frage ein guter Ausgangspunkt.Denn der Anfang dieses Films ist schon wieder aus dem Hirn (bis ins Herz ist er eh nie gedrungen) entsorgt, wenn der Abspann einsetzt.Ein Abspann zudem, der so überraschend kommt, daß er zugleich erleichert (schon vorbei!) und doch irritiert: Habe ich den Hauptfilm verpennt? Oder gab es gar keinen? Wenn es ihn denn gäbe, müßte "Widows" einen Preis für Gedächtnishygiene kriegen.An einem Mangel an Handlung kann die merkwürdige Leere, die dieser Film zurückläßt, kaum liegen.Vom Mord über eine heimtückische Rufmordkampagne bis zur Unzucht mit Minderjährigen und tragischen Unglücksfällen spannt sich der Handlungsbogen.Und der Stoff, von verdreifachter weiblicher Midlife-crisis, wäre es durchaus wert, erzählt zu werden.Schließlich ist Frauenleben aus Frauensicht immer noch Mangelware im Kino. Um die vierzig sind die drei Heldinnen und Freundinnen dieses Films: Elisabeth (Katja Flint), Rechtsanwältin, blond und professionell unterkühlt, ist mit einem zwanzig Jahre älteren Pflichtmenschen (Martin Benrath) verheiratet.Marias (Ornella Muti) dritter Ehemann, ein Gebrauchtwagenhändler (Huub Stapel), behandelt seine lebens- und sexlustige Gattin wie eines seiner Ausstellungsstücke.Und Molly (Eva Mattes), Hausfrau und Mutter dreier Kinder, wird von einem alkoholabhängigen Ungetüm (Uwe Ochsenknecht) mit einem Schauspielsternchen betrogen. Was also tun? "Ohne Gatten muß die Freiheit wohl grenzenlos sein", heißt es im Presseheft.So wird in "Widows", der Titel gibt es ja vor, auf Entsorgung statt auf Auseinandersetzung gesetzt.Stehen die ekligen Ehemänner demnach ein für den definitiven Frauenfilm? Ist "Widows" die schwarze Komödie, die endlich, es wurde ja Zeit, sich des elendiglichen Seitensprunggehüpfes auch in Deutschland auf witzige Weise endgültig entledigt? Keine Sorge.Nicht umsonst tarnt sich dieser Film unter einem englischen Titel."Widows" ist solides deutsches Konfektions-Kino.Und der Film betreibt dermaßen unentschlossen und sauber sein vorgeblich düsteres Geschäft, so seltsam unmotiviert sind seine Möchtegern-Witwen, daß man ihnen eigentlich gar nicht abnehmen möchte, daß ihnen überhaupt irgend etwas fehlt.Geschweige denn, daß sie ihr Los nicht auf einfachere Weise ändern könnten. Inhaltlich bewegt sich "Widows" auf dem postfeministischen Niveau, das uns seit Hera Linds Superweib klarmachen will, was schon unsere Mütter wußten: Daß wir Frauen die besseren und gewitzteren Wesen sind und unsere Macht nur dementsprechend zu nutzen verstehen müßten, Männer dagegen narzistische bindungsunfähige Riesenbabies, die am besten mit einem Teller heiße Suppe ruhigzustellen sind. Das "volle Leben", von dem Regisseurin Sherry Hormann spricht, hier sind es nicht mehr als die Querelen von ein paar Society-Tussies.Der "weibliche Blick": Er greift nicht weiter als auf Eheleids-Stereotypen und ein paar sich hilflosen Rachephantasien hingebende Frauen, die sich sogar auf der Leinwand betrinken können.Wie sie das aber tun, wie hysterisch hilflos dieses Besäufnis statt in gemeinsamem Weltschmerz in pubertärem Gegacker endet, das läßt sich vielleicht entschuldigend der eingestandenen mangelnden Alkoholerfahrung der Regisseurin zuschreiben: Es ist aber bezeichnend für die vorgeschwindelte Lebensnähe dieser Art von Kino. Es ist dieser fehlende Sinn für das Wie, der diese Filme so austauschbar, so beliebig macht.Dabei scheint es bestimmte Regulatorien zu geben.Dieser Film hat sie alle penibelst befolgt: Schneiden Sie dann, wenn es interessant werden könnte.Drehen Sie On-Location, aber achten Sie darauf, daß es immer so aussieht wie im Studio.Autos und andere Straßenmöbel müssen fabrikneu sein und werden kurz vor Drehbeginn, wie auch die Straße, noch einmal abgespült, damit es nicht etwa so aussieht, als wären wir in Polen.Und, auch ganz wichtig: Vermeiden Sie unnötige Schatten. Der Zuschauer könnte sonst denken, es gäbe vielleicht ein Geheimnis zu verbergen.Auch die düsterste Nachtszene kann mit ein wenig professionellem Geschick so flächendeckend ausgeleuchtet werden, daß nichts im Dunkeln bleibt.Immerhin, und das ist tröstlich, zeigt "Widows", daß es nicht an den deutschen Genen liegt, wenn die deutsche Filmkunst in der Krise ist.Schließlich sind Sherry Hormann wie auch die Drehbuchautorin Kit Hopkins in den USA geboren.Es muß also an den Produktionsbedingungen liegen.Und die lassen sich ja ändern. In acht Berliner Kinos

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