Kultur : Sterben kann so schön sein

Der Balladen-Gott: Nick Cave schrieb Drehbuch und Musik zum PANORAMA-Film „The Proposition“ – und kommt zum Festival

Sebastian Handke

Das ist kein Kugelhagel. Es ist ein Inferno. Die Hütte wird aus allen Richtungen perforiert, und die Unglücklichen, die darin Schutz suchten, erwischt es früher oder später doch, ganz egal, in welcher Ecke sie zusammenkauern. Die Kamera ist mitten unter ihnen, und erst als alle dahingerafft sind, wird die Tür von außen geöffnet und Captain Stanley tritt ein. Zwei Brüder haben überlebt, dem Jüngeren, ein Knabe noch, schlägt Stanley mit dem Kolben seiner Pistole ins Gesicht, dass dessen Nase geradezu explodiert: „Ich werde diesen Ort zivilisieren.“

Eine atemberaubende Filmeröffnung, die den arglosen Zuschauer trifft wie ein Schock. Und eine raffinierte obendrein, denn das Territorium, das sie absteckt, kehrt sich bald schon ins Gegenteil. Wer der Gute ist, und wer der Böse, das ist einigermaßen unbestimmt, hier draußen, im Todesstreifen der frontier, des Grenzlands. Wie in jedem guten Western.

Allerdings liegt die Grenze, von der in John Hillcoats „The Proposition“ berichtet wird, im Australien von 1880. Die Wilden sind Aborigines und es ist heißer, staubiger und erbarmungsloser, als es in Rio Bravo je sein könnte. Es herrscht rohe, ziellose Gewalt im Australien des frühen kolonialen „Nationbuilding“, und Captain Stanley (Ray Winstone) macht Charlie Burns (Guy Pearce) ein Angebot: Wenn er seinen psychopatischen älteren Bruder Arthur (Danny Huston) mordet, werde sein geliebter kleiner Bruder Mikey (Richard Wilson) verschont. Andernfalls soll Mikey hängen.

Die Ballade: Ihrer engen Gattungsbestimmung nach ist sie die musikalisch- rhythmische Schilderung eines vergangenen Geschehens mit katastrophalem Ausgang. Und einer wurde geboren, sie fortzuschreiben und in ihre dunkelsten Winkel zu treiben – archaisch, australisch, mystifizierend: Nick Cave, der Musiker und finstere Balladensänger – jetzt auch für die Leinwand, denn er hat das Drehbuch geschrieben. In seiner Kindheit im australischen Wangaratta wurde Nicholas Edward Cave eine streng anglikanische Erziehung zuteil. Das brachte ausgedehnte Bibellektüre mit sich, wahrscheinlich auch unbeaufsichtigt; begleitet und verstärkt von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ und Nabokovs Roman „Lolita“, aus dem Vater Cave dem Sohn gerne vorlas. Hier muss man den Ursprung vermuten für Caves schattig kräftige Bildsprache, die alttestamentarische Wucht, die hingemeuchelten Frauen, die hingemeuchelten Männer, nachtschwarz gleißendes Pathos; Glaube, Schuld und Demut; Charon, Styx und Todeszauber.

Dabei ist Nick Cave kein Nachtmensch. Nicht mehr. Um Fünf steht er auf, raucht ein paar Zigaretten, geht in sein Büro mit Blick auf die Themse und schreibt. Sein Verhältnis zur Welt charakterisiert er als „profunde Abscheu“, und er hält sie sich vom Leib, indem er sich in die eigene zurückzieht. Romantiker war er schon immer, ein schwarzer allerdings, und das geht bekanntlich nicht ohne Ironie. Nick Cave hält sich für einen Humoristen, da müsse man, sagt er oft, doch nur mal in die „Murder Ballads“ reinhören. Unglücklichsein, das ist was für Leute, die zu viel Zeit haben, „ich bin ein Arbeiter, kein Denker“. Er sollte sich mal die eigenen Platten anhören. Das aber lehnt er ab.

Es begann mit Avantgarde-Punk, in Australien noch, Birthday Party hieß die Band. Sie zogen nach Berlin, lösten sich auf, da war der Weg frei für die Gründung der Bad Seeds mit Gitarrist Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten. Das Debut „From Her To Eternity“ (1984) schockte mit aggressivem Sound an der Grenze zum Bruitismus und morbider Alltagsmythologie, eine Mixtur, die in den folgenden Jahren in verschiedene Richtungen ausgeweitet wurde.

Mitte der Neunziger verpuppte sich der Höllenfürst und kam als Sendbote der Liebe wieder. Das Archaische wich dem Klassizismus, aus dem expressiven Selbstzerstörer wurde ein gebrochen verschwärmter Schöngeist. Die Dämonen, die ihn trieben, verwandelten sich in Schutzengel, und gemeinsam mit ihnen hängt er jetzt als Bluesonkel am Bösendorfer rum. Über „Das Liebeslied und wie man es schreibt“ gab er 1998 in seinen Poetikvorlesungen an der Wiener Kunstakademie Auskunft. Den Schwefelgeruch wurde er zwar nie ganz los, aber auch einer wie Cave kommt eben irgendwann an, in dieser anderen Hölle, der bürgerlichen. Cave ist in zweiter Ehe verheiratet mit dem Vivienne-Westwood-Model Susie Bick, gemeinsam haben sie fünfjährige Zwillinge. Ob er jetzt glücklich sei, wurde er gefragt. „So weit würde ich nicht gehen“, gab er zur Antwort, will nun aber doch verstärkt Stücke schreiben über die Mittellagen der Liebe, nicht immer nur von deren Anfang und Ende erzählen. Sogar das Tabuwort des Rock – „Ehefrau“ – kommt vor. Ganz schön krass.

„The Proposition“ aber entpuppt sich als triumphale Rückkehr zur Archaik. Nick Cave hat einen Western geschrieben, wie ihn nur jemand erfinden kann, der aus der Sonne kam, um die Nachtseite zu besingen. Und John Hillcoat, der bereits Caves Gefängnisdrama „Ghosts… of the Civil Dead“ (1988) in ein finsteres Höllenbild menschlicher Verrohung verwandelte, macht daraus ein atmosphärisches Meisterstück: Der absehbare, aber unaufhaltsame Niedergang der Beteiligten lastet auf allem wie die bleischwere Hitze dieser flirrenden Hölle. Mit grobem Strich zeichnet Hillcoat wie auf brennender Leinwand ein mythisches Australien – es ist ein erdrückender Ort, der nicht dem Menschen gehört, sondern den Fliegen.

Ein aufreibendes Erlebnis, trotz des elegischen Erzählens und der exquisiten Bilder. Denn in einem Film ohne Halbtotalen sind die schwitzenden Gestalten immer ein wenig zu nah, um sie auch nur für einen Moment aus den Augen zu lassen. Nick Cave und Warren Ellis vervollkommnen mit ihrer kargen, um sich selbst kreisenden Musik den Antiwestern zur traurigen Ballade über einen Ort, an dem eruptive Gewalt und Zartgefühl nur einen Seufzer voneinander entfernt liegen. Ganz wie in Caves Liedern.

Heute 19 Uhr (Zoo-Palast), 14. 2., 11 Uhr (Cinemaxx 7), 18. 2., 21 Uhr (Zoo-Palast)

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