Kultur : Sterben lernen

Intimität und Intensität: das „Live Brits“-Festival im Berliner Hebbel am Ufer

Christine Wahl

Einer guten Casting-Agentur wäre das nicht passiert. Da kommt der personifizierte Tod auf die Showbühne geschlendert – und der reibt sich sein Wohlstandsbäuchlein. Selbiges wölbt sich entspannt unter einem schwarzen Jogginganzug, auf den – in versuchsnaturalistischem Kinderfaschingsweiß – das Gerippe gepinselt ist. Und kaum hat das wohlgenährte Skelett die Rampe erreicht, erklärt es uns, was hier noch gerade alles schiefläuft.

Normalerweise sitze da eine Band, verkündet es in der Performance „Spectacular“ der Truppe Forced Entertainment und zeigt auf die gähnend leere Bühne. Von der opulenten Showtreppe würden zu vorgerückter Stunde Tänzerinnen in Silberröckchen herabschweben. Aber die einzige Kollegin, die irgendwann auftaucht, ist eine Jeansträgerin mit Sterbeauftrag: „I want to do my dying now“, spricht sie ins Mikro und wirft sich zu Boden. Obwohl der Show-Tod es nicht an Sachverstand fehlen lässt – „Nimm den Hintern runter; dreh den Kopf zum Publikum; nein, jetzt bettelst du nur um Zuneigung“ –, zieht die Sache sich hin. Und während die Performerin Claire Marshall von einer Bühnenecke in die andere kraucht, kommt ihr Skelett-Kollege Robin Arthur ins Plaudern. Erzählt, an welcher Stelle ihn professionelle Zweifel ereilen, stellt Mutmaßungen über das Lachverhalten des Publikums an oder entdeckt dadaistisches Potenzial in den Notaten des Inspizienten. Mehr passiert nicht in den 90 Antishowminuten.

„Superintimacy“ heißt das Motto des von Matthias Lilienthal kuratierten Berliner Festivals „Live Brits“ im Hebbel am Ufer, das die Intimität – sprich: die Echtheitsbehauptung im Verhältnis zwischen Bühne und Zuschauerraum – auf den Prüfstand stellt. Im Falle von Forced Entertainment, den Pionieren um Tim Etchells, die seit über zwanzig Jahren klassische Bühnenanordnungen mit „Live Art“ infizieren, wird dem Zuschauer ein Rendezvous mit dem eigenen Kopfinhalt offeriert. Auch wenn für den bekanntlich jeder selbst verantwortlich ist, muss man sich keine Sorgen machen, wenn dort nach dreißig Minuten nicht mehr viel Neues auftaucht. Auch die Langeweile, die sich einstellt, sobald die Lektion über die eigene Manipulierbarkeit angekommen ist, ist hier wohl kalkuliert.

Eine aggressivere Auffassung von Intimität beherzigt der Radikalperformer Franko B. in seiner Zwanzigminutenattacke „Don’t leave me this way“. Das HAU übertreibt nicht, wenn es Epileptikern vom Besuch abrät und die Ticketinhaber vorsichtshalber auf Ohrenbeschwerden abgeklopft werden. Höllisch laut ist gar kein Ausdruck für den atonalen Sound, der einen im stockdunklen Saal überwältigt. Irgendwann schält sich der nackte Franko-B.-Körper aus der Düsternis heraus, wobei voyeuristische Neigungen umgehend durch Lichtblitzoffensiven zunichte gemacht werden – und zwar derart radikal, dass Augenärzte Alarm schlagen müssten. Intimität als Intimitätsverweigerung: Kurz, schmerzvoll, mit wohltuend brachialem Witz. Für ganz Unerschrockene bietet Franko B. die Attacke auch als One-to-one-Performance für einzelne Zuschauer an!

Gefahrenfreier klingen die Beiträge, die bis Samstag zu sehen sind. Zum Beispiel Quarantines „Susan and Darren“ – die Geschichte eines Tanzlehrers und seiner Putzfrauen-Mutter – oder Robin Deacons Reflexion über Barack Obama und den „Bounty Effekt“, Titel: „Whatever happened to Colin Powell?“ Christine Wahl

Festival „Live Brits“, HAU 1, 2 und 3. Kreuzberg, bis 5. Juli. Weitere Informationen unter www.hebbel-am-ufer.de

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