Kultur : Sterben mit den Beatles

Frank Dietschreit

Zufall oder absichtsvolle Regie? Nachdem er beim Stückemarkt Kurt Drawerts konventionell gebautes Konversations-Drama "Monsieur Bovary" von früheren Schaubühnen-Stars wie Corinna Kirchhoff und Ulrich Matthes, Peter Simonischek und Tina Engel hat lesen lassen (Tagesspiegel vom 10. 5.), versucht Klaus Völker es mit einer Radikalkur. Maxim Billers "Kühltransport", ein aus Wunsch und Wirklichkeit, schockierender Realität und utopischen Traumsequenzen skizziertes Drama über den grausamen Tod von chinesischen Flüchtlingen im Container eines Kühllasters, wird im Haus der Berliner Festspiele von der neuen Schaubühnen-Bande vorgestellt. Was die Schauspieler unter Anleitung von Schaubühnen-Hausregisseur Wulf Twiehaus bieten, hat mit einer ersten tastenden Lesung freilich nichts mehr zu tun.

Die zehn Akteure sitzen weder brav vorm Mikrofon noch stochern sie im Text herum, sondern wechseln dauernd ihre Positionen und - spielen. Wer dran ist, agiert heftig an der Rampe, wenn nötig auch mit dem Handy. Billers ausufernde Text-Collage, von Twiehaus bereits auf eine plausible Fassung eingekürzt, wird szenisch neu erfunden, mimisch und gestisch ausgedeutet. Und von Jörg Gollasch auf der E-Gitarre mit akustischen Signalen und sanft angezupften Beatles-Songs musikalisch umspielt.

Denn Billers im Container eingeschlossene Chinesen lieben die Beatles, ohne die alten Lieder wären sie wohl schon längst erstickt. So aber singen und summen sie noch ein bisschen, bevor sie qualvoll sterben. Oder sie erinnern sich an die Mutter und an die Geliebte, an die Drangsalierungen während der Kulturrevolution oder die Verstrickungen in kriminelle Banden.

Chaos mit Handys

Es gibt ein paar großartige Soli für Ronald Kukulies, Mark Waschke und Robert Beyer und ein anrührendes Liebes-Duett von Justine del Corte und Lars Eidinger. Aber auch ein paar unnötig komplizierte Perspektiv- und Zeit-Sprünge in Leichenschauhäuser und Anwaltskanzleien. Dem Bühnen-Neuling merkt man an, dass er zwar die Wirtschaftswunderwelt attackiern will, dafür aber noch nicht die richtige dialogische Theatersprache gefunden hat.

John von Düffel, Dramaturg am Hamburger Thalia-Theater, hat sich sowohl als Roman-Autor ("Vom Wasser") wie auch als Stücke-Schreiber ("Oi", "Rinderwahnsinn") einen Namen gemacht. Mit "Elite I.1" wird er seinen Möglichkeiten aber nicht ganz gerecht. Düffel blickt auf das Kommunikationschaos des Handy-Zeitalters und fördert ein paar zum Klischee abgemagerte Figuren zutage. In selbstverliebten Monologen reden diese Zeitgeist-Abziehbilder alle nur für sich. Das ist zwar manchmal brüllkomisch, aber doch meistens nicht gerade theatertauglich. Imogen Kogge spricht die Moderatorin Sybille mit nonchalanter Zickigkeit, Frank Seppeler den Schönheitschirurgen Hendrik mit beiläufiger Ironie. Udo Samel gibt den Fernsehkommentator Thomas als nikotinsüchtigen Nörgler, Nina Hoss die ehrgeizige Jung-Redakteurin als kaltschnäuzige Intrigantin. Astrid Meyerfeldt ist eine dauertelefonierende Unternehmensberaterin, Victor Calero ein geiler Ex-Sportler. Doch auch das hochkarätig besetzte Schauspiel-Podium kann das monologische Maskenspiel nicht mit Leben füllen.

Die Liebe zum Bratapfel

Zum Abschluss des Stückemarkts präsentiert die noch gänzlich unbekannte Rebekka Kricheldorf ihre "Prinzessin Nicoletta". Beim Heidelberger Stückemarkt hat die Autorin für ihr kurzweiliges Märchenspiel den Preis der Theaterverlage sowie den Publikums-Preis bekommen.

Aber was ist wirklich dran an dem Stück? Eigentlich nicht viel. Zwar sind sowohl die Lesenden wie auch die Zuhörenden wild entschlossen, sich zu amüsieren, doch was mit Leonce-und-Lena-Motiven sein absurdes Spielchen treiben möchte, ist oft nur von skurriler Banalität. Prinzessin Nicoletta soll, um das marode Reich von König Philip zu retten, den von auswärts angereisten Prinzen Omo heiraten. Sie liebt aber den Koch, denn der kann so wunderbare Bratäpfel zaubern.

Daraus ergeben sich naturgemäß herrliche Liebes-Verwirrungen und gefährliche politische Verwicklungen. Märchenfiguren haben sich hier ins Kabarett verirrt. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lachen sie noch heute: zum Beispiel über Regine Zimmermann als störrische Nicoletta, Burghart Klaußner als königlichen Poltergeist, Matthias Walter als verblödeten Prinz Omo, Markus Meyer als kauzigen Koch. Das erste Stück von Rebekka Kricheldorf lässt immerhin hoffen. Der Weg vom Theatertreffen-Stückemarkt auf die Bühne ist oft kurz. John von Düffels Stück wird demnächst am Hamburger Thalia-Theater uraufgeführt, Maxim Billers "Kühltransport" kommt in Mainz heraus. Aber das war schon vorm Berliner Stückemarkt verabredet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar