Kultur : Sterben und sterben lassen

FREDERIK HANSSEN

Abschied, das haben uns die Schlagerkomponisten beigebracht, ist ein bißchen wie sterben.Nur in der Oper, wo die Uhren bekanntlich etwas anders gehen, ist Abschied manchmal auch ein bißchen wie Sterbenlassen.In Bizets "Carmen" zum Beispiel oder in Verdis "Rigoletto".Und jetzt auch in Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen".Das heißt: die Entdeckung, daß der Titelheld sich den unfreiwilligen Abschied von seiner angebeteten Giulietta mit dem Tod ihres Liebhabers Pintinaccio "versüßt", ist schon zehn Jahre alt.Damals entdeckte Josef Heinzelmann jene Librettofassung der Oper, die 1881 von der Pariser Zensurbehörde gegenehmigt wurde, in dieser Form jedoch nicht zur Uraufführung kam, weil bei den Proben der gesamte Giulietta-Akt dem Rotstift zum Opfer fiel und in den späteren Be-, Um- und Verarbeitungen zwar in immer neuer, aber bis 1988 nie in der ursprünglichen Form auftauchte.

Nur die Musik, die Offenbach, der die Premiere seines letzten Werks nicht mehr erlebte, für das Giulietta-Finale komponiert hat, blieb unauffindbar.Bis 1993 plötzlich die gesuchten 144 Takte in einer französischen Privatsammlung auftauchten, versteigert wurden und über dunkle Umwege den Schott Verlag erreichten, der sofort eine "komplettierte Fassung" der beliebten Oper auf den Markt warf.Mit dem Erfolg, daß nun ein französischer Musiker gegen Schott klagt, der die Noten bei einer Versteigerung erworben haben will und nun das Recht der Veröffentlichung für sich reklamiert.Es geht dabei um Tantiemen, die künftig bei jeder Aufführung der Fassung fällig werden.

Die "Uraufführung" der heißbegehrten Takte im Rahmen einer Neuinszenierung von "Hoffmanns Erzählungen" an der Hamburgischen Staatsoper konnte jetzt allerdings unbehelligt vom anstehenden Prozeß stattfinden.Doch der sensationelle Fund geriet im Lauf der Premiere fast in Vergessenheit: Zum einen, weil die Musik, die Offenbach seinem Pintinaccio mit in den Tod gegeben hat, nicht gerade zu seinen stärksten 144 Takten zählt - und durch die wesentlich effektvollere "vorläufige Rekonstruktion" des Finales von Michael Kaye, die auf Kent Naganos Einspielung zu hören ist, leicht ausgestochen wird -; zum anderen aber auch, weil das unmittelbare Aufführungserlebnis zuvor bereits alle Sinne gefesselt hatte.

Wenn sich der Vorhang öffnet, blickt man auf den Bahnsteig der Pariser Metro-Station "Opéra".Bis in die Wasserflecke auf den Keramikkacheln täuschend echt nachgebaut, gibt dieser unterirdische Ort ein reizvolles, szenisch variables Ambiente für "Hoffmanns Erzählungen" ab.Ein starkes Bild, das mehr ist als ein poppiger Rahmen für alte Operngesten.Das junge Inszenierungsteam Andreas Baesler (Regie) und Andreas Wilkens (Bühne) interessiert sich weniger dafür, wie Hoffmann mit seiner sozialen Außenseiterstellung zurechtkommt.Statt nach Art des Muisktheaterrealismus das Individuum im Kontext der Gesellschaft zu beobachten, wollen beide sichtbar machen, wie ein grenzenlos Liebender erst drei Frauen und dann (fast) seinen Verstand verliert.Der Überbau bleibt draußen.Was hier unten im Metro-Schacht zählt, ist der Kampf um privates Glück, um Träume, Phantasien.

Nicht die gesellschaftskritische Keule ist Baeslers Handwerkszeug, seine Botschaft überträgt sich durch atmosphärische Verdichtungen: Das kann zu bedrückenden Szenen führen, wie im Olympia-Akt, wenn Spalanzanis Geschöpf nur als virtuelle Projektion erscheint, mit der Hoffmann dennoch dank 3-D-Kappe und elektronischem Tasthandschuh eine Cyberspace-Liebesnacht verbringt, bis Coppélius dem Computerprogramm den Saft abdreht.Das kann aber auch ins Poetische hinübergleiten, wie im kammerspielartigen Antonia- und im theatralischen Giulietta-Akt, wenn Baesler die Geschichte auf ganz traditionelle, aber stets handwerklich überzeugende Art weiterspinnt - um sein Publikum im Epilog wieder zu entzaubern: Da ziert dann statt des mannshohen Plakats mit dem leeren Frauengesicht an der Tunnelwand plötzlich Hoffmanns eigenes Konterfei die Werbefläche: Ein findiger Verleger hat seine eben beendete Erzählung bereits als Buch herausgebracht.Doch die Signierstunde wird zum Skandal ohne happy end: Nachdem Hoffmann die Opernsängerin Stella vor den Kopf gestoßen hat, läßt er sich nicht, wie sonst üblich, von der Muse ins (Schriftsteller-)Leben zurückholen, sondern torkelt wie ein betrunkener Clochard auf die Gleise: Während er den Refrain vom "Klein-Zack"-Lied lallt, senkt sich der Vorhang.

Trotz des unversöhnlichen Endes behält diese Inszenierung stets das Schlüsselwort der französischen opéra comique im Auge - charmant.In diesem Abjektiv sind die ungeschriebenen Gesetze des Genres zusammengefaßt: Leicht zu sein, ohne oberflächlich zu werden, Pathos wie Kitsch durch Eleganz zu veredeln, Geschmack zu beweisen in Witzwahl und Selbstdarstellung, geistreich, nicht aufdringlich die Dinge auf den Punkt zu bringen.In diesem Sinne ist auch Ingo Metzmachers musikalische Leitung très charmant: Er entlockt dem Philharmonischen Staatsorchester jenen federnden, rhythmisch feingeschliffenen französischen Klang, der deutschen Orchestern so schwer fällt, und doch unabdingbar ist, wenn die biegsamen Melodien ihren vollen Reiz entfalten sollen.

Und das tun sie dann auch zur Beglückung der frankophilen Opernfans: Innerlich leuchtend bei Maria Bayos wunderbarer Antonia, keck und klingelnd bei Hellen Kwon in der Doppelrolle der Stella und Olympia, mit der gebotenen kurtisanenhaften Laszivität bei Janne Pilands Giulietta.Ulrike Schneider paßt sich als Muse wie Nicklausse jeder Geschichte biegsam an, Georges Gautier gestaltet die Dienerrollen mit angenehm diskreter Komik.Die vier Bösewichter sind bei Wolfgang Schöne in bewährten Händen.Die große Entdeckung des Abends aber ist der junge amerikanische Tenor Markus Haddock: Er hat nicht nur das ideale Timbre für französische Heldenrollen - schlank und kernig in der Attacke, sinnlich in den lyrischen Momenten -, sondern gibt auch körperlich alles, um die multiple Persönlichkeit Hoffmanns greifbar werden zu lassen.

Weitere Aufführungen: 28.Januar, 1., 5., 9., 13., 21.und 24.Februar sowie 3., 6., 11.und 16.März.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben