Stereo Total : Schon wieder kein Alterswerk

Stereo Total bleiben mit „Paris – Berlin“ bei sich.

Gerrit Bartels

Man hatte sich schon Sorgen um Stereo Total gemacht: Da gab es vor gar nicht langer Zeit eine Art Best-Of-Album, auf dem sich Françoise Cactus und Brezel Göring an die Jahre mit ihrem einstigen Label Bungalow erinnerten, von einem neuen Album war jedoch überhaupt keine Rede. Natürlich sind Cactus und Göring viel beschäftigt mit Touren auf der ganzen Welt, mit Bücherschreiben und damit, französische Impressionisten im Radio zu erklären (Cactus) oder anderswo kranke Musik einzuspielen (Göring). Und natürlich sind Stereo Total schon viel zu lange dabei, als dass sie sich nicht schon mal in reiner Werkbetrachtung üben dürften. Vierzehn Jahre, um genau zu sein, in denen sechs reguläre Stereo-Total-Alben im Zweijahresrhythmus entstanden. Aber dass gar alles ein Ende haben sollte oder Stereo Total demnächst nur noch ihre Alben wie „Monokini“ oder „Do The Bambi“ live von vorn nach hinten aufführen und sich damit selbst kanonisieren, wie es zurzeit unter altgedienten Underground-Musikern Mode ist, das wollte man doch nicht glauben. Schon gar nicht von der letzten Berliner Band, die man wirklich guten Gewissens noch als „strictly underground“ und „strictly Punkrock“ bezeichnen kann.

„Paris – Berlin“, ihr jetzt siebtes Album, beweist, dass alle Sorgen und Befürchtungen für die Katz waren. Stereo Total haben vierzehn neue Stücke eingespielt und sind ganz bei sich: unglaublich fremd, elektronisch und lo-fidelity. Um nicht zu sagen: „Paris – Berlin“ ist wieder einmal das allerbeste aller Stereo-Total-Alben geworden. Noch mehr Zauber, stramme Hits und krumme Elektrodinger als sonst, und vor allem: noch mehr Sex. Das beginnt mit dem ersten Stück, in dem Cactus die Rebellion der Hormone bei Teenagermädchen besingt, und wird von Göring nahtlos weitergeführt, indem er sich in einen Stricherjungen hineinversetzt: „Und wenn ein Wagen hält, dem meine Hose gefällt, hole ich ’ne Fluppe heraus und mache die Gage aus“. Und das setzt sich in zahlreichen anderen Stücken fort, in denen der „Komplex mit dem Sex“ Thema ist, das Dasein als Lolita oder die Revolutionen, die immer nur sexuelle sind.

Mag Françoise Cactus auch inzwischen vermutlich eher auf die fünfzig zugehen: Noch immer kennt sie sich im Schatten junger Mädchenblüte am allerbesten aus, noch immer kann sie sich nur zu gut in die Probleme hineinversetzen, die einen auf der Schwelle zum Erwachsenwerden (oder eben Niemals-Erwachsen-Werden-Wollen) befallen.

Dass Pop oder Rock ’n’ Roll in dieser Zeit der Reife erste Hilfestellungen zu leisten vermögen, weiß man. Manchmal tut es auch der gute alte Punkrock, selbst der in der Stereo-Total-Variante als Elektroschlager oder Kaputtnik-Disco. Und manchmal verschreiben sich junge Mädchen und auch junge Jungs dann ganz dem Pop und Rock ’n’ Roll, und wo das hinführt, das besingen Stereo Total in „Küsse aus der Hölle der Musik“. Da heißt es: „Küss’ mich, wo du mich noch nie geküsst hast, im Père Lachaise, im Risiko, CBGBs, Chelsea Hotel“. Lebe schnell und gefährlich, könnte man das übersetzen, aber sterbe niemals jung und veröffentliche niemals Alterswerke! Daran haben sich Stereo Total mit „Paris – Berlin“ wieder einmal gehalten. Gerrit Bartels

Stereo Total: „Paris – Berlin“ (Disko B)

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